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Salafismus in Deutschland

Prävention durch Information

Nach den jüngsten Terroranschlägen in Paris rücken die verschiedenen islamistischen Bewegungen in den Mittelpunkt der Diskussion. Salafismus steht für die am rasantesten wachsende islamistische Bewegung in Deutschland. Was aber ist Salafismus konkret?

Salafismus ist rück-wärtsgewandter Fundamentalismus in extremst denkbarer Ausprägung. Alles bestimmend ist das Dogma, dass einzig und allein der vom Religionsgründer Muhammed und sei nen drei direkten Nachfolgern (arabisch al salaf al-salih) im tiefsten Mittelalter prakti zierte Islam der wahre Glaube sei. Aus dieser Sicht haben ausschließlich der Wortlaut des Koran und die Sunna genannten Überlieferungen des Propheten Geltung. Alle dieser islamischen Frühzeit folgenden Anpassungen an veränderte sozio-ökonomische Bedingungen und Interpretationen seien Verfälschungen der reinen Lehre.

Antidemokratisch

Weltliche Gesetze erkennen die Salafisten nicht an, ausnahmslos die Scharia, das islamische Recht mit seinen drakonischen Bestrafungsformen, hat in ihren Augen Bestand. „Menschengemachtes Recht“ sei null und nichtig. Auch die freiheitlich-demokratische Grundordnung wird kategorisch abgelehnt.

„Ein echter Muslim ist kein Demokrat, weil ihn die Meinung von Mehrheiten oder Minderheiten nicht interessiert. Ihn interessiert, was der Islam zu sagen hat“, wird ein führender djihadistischer Salafist mit dem Kampfnamen „Abu Sattar“ in Spiegel Online zitiert. Demokratie sei etwas für Ungläubige.

Salafismus steht nicht nur im krassen Gegensatz zu den fundamentalen Werten unseres Landes, sondern ist auch mit dem konventionellen Islam unvereinbar. Denn im Gegensatz zu der mit 1,6 Milliarden Gläubigen zweitgrößten Weltreligion ist Salafismus nichts weiter als eine extremistische politische Ideologie, die lediglich religiös verbrämt ist. Salafismus hat mit dem klassischen Islam ungefähr so viel zu tun wie der „Ku-Klux-Klan“ mit dem klassischen Christentum.

Doch nicht jeder, der dieser Doktrin anhängt, ist auch gewaltbereit. Die Masse der rund 7.000 in Deutschland agierenden Salafisten will nicht mehr, als ihren puristischen Glauben leben. Jedoch sind die Übergänge vom friedlichen Flügel des Salafismus zum gewaltbereiten djihadistischen Teilspektrum fließend.

„Salafisten sind einem Prozess zunehmender Radikalisierung unterworfen, die direkt in den Terrorismus führen kann“, betont ein hochrangiger Experte gegenüber PROTECTOR. Das Bundesministerium des Innern konstatiert, „dass fast ausnahmslos alle Personen mit Deutschlandbezug, die zur Durchsetzung ihrer Ziele Gewalt befürworten, zuvor mit salafistischen Strukturen in Kontakt standen“.

In diesem Kontext fehlt es dem djihadistischen Salafismus nicht an zweifelhafter „Prominenz“. Dieser extrem- islamistischen Glaubensrichtung hatten sich sowohl die Attentäter von 9/11 als auch die Mitglieder der „Sauerlandgruppe“ verschrieben. Die Mitglieder der Hamburger Terrorzelle verkehrten in der Al-Quds-Moschee, einem damaligen Zentrum der salafistisch-djihadistischen Szene.

Fritz Gelowicz, Konvertit und Anführer der „Sauerlandgruppe“, wurde von einem Hassprediger im „Multikulturhaus“ in Neu-Ulm, einer salafistischen Einrichtung, maßgeblich radikalisiert.

Weit verbreitet

Salafistischer Prägung sind auch das „Netzwerk des Todes“ Al Qaida und die selbst Musik und Tanz als Todsünde empfindenden Taliban. Salafismus ist gleichfalls die ideologische Grundlage jener im Irak und in Syrien mit unvorstellbarer Brutalität wütenden Terrormiliz, die sich selbst „Islamischer Staat“ (IS) nennt.

Ebenso ist die berüchtigte Muslimbruderschaft, gegen deren islamistische Willkürherrschaft sich das Volk Ägyptens und auch das Militär erhob, eine salafistische Gruppierung. Zu den Hauptströmungen des Salafismus zählt die Staatsreligion Saudi-Arabiens, der Wahhabismus.

Der djihadistische Salafismus bildet das Rekrutierungsreservoir für die Terrormilizen des „Islamischen Staats“. Wie der Terrorismusexperte Berndt Georg Thamm ausführt, sind von 2012 bis September/ Oktober 2014 über 450 überwiegend junge Männer zwischen 21 und 30 Jahren aus Deutschland nach Syrien gereist, um sich dort vornehmlich der IS anzuschließen.

Mehr die Hälfte hatte die deutsche Staatsbürgerschaft. Bis heute sind nach Thamms Angaben etwa 40 aus Deutschland stammende Personen in Syrien und im Irak umgekommen. Darunter sieben bis zehn durch „Märtyrer-Einsätze“, sprich Selbstmordanschläge.

Anlass zur Sorge gibt, dass bis dato etwa 120 Personen aus Syrien und dem Irak wieder nach Deutschland eingereist sind. Mindestens 25 dieser Rückkehrer haben nach Informationen von Thamm nach einer professionellen Ausbildung an Schusswaffen und Sprengstoffen an Kampfhandlungen teilgenommen.

Gefahr in Deutschland

Diese Personen werden dem größten terroristischen Potenzial zugerechnet, das es jemals in Deutschland gab. Rund 1.000 Personen sind nach jüngsten Erkenntnissen des BKA hierzulande zu islamistisch motivierten Straftaten bereit. 230 unter ihnen seien dermaßen radikalisiert, dass sie auch vor Gewaltakten von erheblichem Ausmaß, sprich Anschlägen mit höchsten Opferzahlen, nicht zurückschreckten.

Bedenklich erscheint in diesem Zusammenhang, dass die „IS“-Führung im Juli 2014 eine Expansion nach Europa innerhalb der nächsten fünf Jahre angekündigt hat. Das entspricht dem „Masterplan der Gläubigen“, der bereits 2005 bekannt wurde. Thamm nennt Einzelheiten: „Als Flüchtlinge getarnt könnten eingesickerte IS-Kämpfer hier früher oder später Anschläge begehen.“

Perfekt getarnt

Einen besonderen Stellenwert nehmen in diesem Masterplan Konvertiten ein. In der vom Verfassungsschutz herausgegebenen Broschüre „Salafistische Bestrebungen in Deutschland“ wird ein ethnisch Deutscher zitiert, der als späteres Mitglied der „Deutschen Taliban Mujahidin“ seit Anfang 2008 in einer Vielzahl von djihadistischen Propagandavideos und Internetveröffentlichungen in Erscheinung trat.

Der Mann spricht von „einer ganz besonderen Generation von Terroristen, die in keiner Datenbank und keiner Liste der Feinde Allahs erfasst ist.“ Sie sprächen „die Sprachen der Feinde, würden ihre Sitten und Gebräuche kennen und könnten sich auf Grund ihres europäischen Aussehens hervorragend tarnen und so die Länder der Ungläubigen unauffällig infiltrieren, um dort Inschallah eine Operation nach der anderen gegen die Feinde Allahs auszuführen (…)“.

Aus Sicht des Verfassungsschutzes gilt die Maxime „Prävention durch Information“. Menschen, die wenig über diese extrem-muslimische Glaubensrichtung wissen, werden umso leichter zum Opfer dieser modernen Rattenfänger. Zumal sich die Salafisten, ihrer anachronistischen Glaubenswelt zum Trotz, geschickt der modernen Medien und sozialen Netzwerke bedienen.

Salafisten zielen insbesondere auf arbeitslose junge Männer mit Identitätsproblemen, die sich weder als Deutsche noch als Angehörige ihres Ursprungslandes fühlen, und eröffnen ihnen die Möglichkeit einer „salafistischen Nationalität und Gemeinschaft. Wer diese Menschen ausgrenzt oder Panik erzeugt, besorgt im Ergebnis das üble Geschäft der Islamisten, denn er treibt die Suchenden umso intensiver den religiös getarnten Rattenfängern zu.

„Sinnvoll ist es, möglichst flächendeckend über Erscheinungsformen des Islamismus beziehungsweise des Salafismus im Betrieb aufzuklären“, teilt dazu der niedersächsische Verfassungsschutz mit. „Salafismusprävention setzt Kenntnis vom Salafismus voraus“, so Verfassungsschutzpräsidentin Maren Brandenburger.

Innerhalb des Betriebes sollte darauf geachtet werden, dass niemand aufgrund seiner islamischen Religionszugehörigkeit ausgegrenzt, stigmatisiert oder diskriminiert wird. Diskriminierungserfahrungen können radikalisierend wirken, rät der niedersächsische Verfassungsschutz, der, wie alle anderen Verfassungsschutzbehörden auch, mit seiner Expertise zur Verfügung steht. KHG

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