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Neue Angriffsformen auf Geldausgabeautomaten

Riskante Methode

Während in den letzten Jahren die klassischen Banküberfälle in Deutschland kontinuierlich abgenommen haben, nehmen stattdessen die physischen Übergriffe auf Geldautomaten zu. Immer häufiger werden sie gesprengt, um an ihren Inhalt zu gelangen, oftmals mit unkalkulierbaren Schäden, nicht nur für die Automaten. Die Banken stellen sich daher dieser Entwicklung mit verschiedenen Strategien und Lösungsansätzen.

Der Angriff auf Geldautomaten ist kein neues Phänomen, wohl aber eines, dass in den letzten paar Jahren bundes- und sogar europaweit zugenommen hat. Im Gegensatz dazu ist das Skimming, also die Manipulation der Geldautomaten zur Ausspähung von Kontodaten, rückläufig. Wurden 2012 in Deutschland 45 Geldautomaten gesprengt, waren es 2014 bereits 116 und 2015 sogar 130 Fälle. Das heißt allerdings nicht, dass eine erfolgte Sprengung auch gleichzeitig zu Bargeld führt. Seit 2010 gelangten Täter in 179 Fällen an Bargeld, eine „Erfolgsquote“ von 37 Prozent.

Die Täter schlagen dabei häufig in ländlichen Regionen zu, in kleinen Ortschaften mit guter Verkehrsanbindung, um schnell wieder fliehen zu können. Oft sind es gut organisierte Banden aus Ost- und Südeuropa, die ihre Taten genau vorbereiten und durch die Europäische Union ziehen. Im Falle der Angriffe auf Automaten in Nordrhein-Westfalen kommen die Täter meistens aus den Niederlanden, die dann im Grenzgebiet zuschlagen. „Die klassischen Raubüberfälle nehmen stattdessen ab, da hier in der Regel nur noch geringe Mengen an Bargeld zu erbeuten sind“, so Ingrid Schandry von der Frankfurter Sparkasse.

Unberechenbar

Bei den Angriffen entstehen neben dem umfangreichen Schaden am Automaten selbst auch Beschädigungen am Gebäude, die den Wert der Beute nicht selten um ein vielfaches übertreffen und einen Millionenschaden verursachen können. Meist gehen bei der Sprengung nicht nur Fensterscheiben zu Bruch, sondern ganze Räume werden verwüstet. Ferner können auch Menschenleben in Gefahr geraten, inklusive dasder Angreifer selbst.

Zum Einsatz kommen oftmals Sprengmittel, deren Wirkungsweise nicht immer genau vorauszuberechnen ist, vor allem, wenn die Täter keine Profis sind. Sie verwenden Rohrbomben, Schwarzpulver und immer häufiger in die Automaten eingeleitetes Gas, um an den Automateninhalt zu gelangen. Es sind vor allem diese Sprengungen, die den Banken Kopfzerbrechen bereiten. Bei dieser Vorgehensweise wird ein Gas oder ein Gasgemisch in den Geldautomaten eingeleitet und dann entzündet. Je nach Ausführung des Geldautomaten variiert das freie, mit Gas befüllbare Volumen, was durchaus um die 100 Liter betragen kann. Abhängig von der Menge und Bauart des Automaten fällt die Explosion dann stärker oder schwächer aus.

Ein großes Risiko für die Täter und in der Nähe befindlichen Personen besteht, wenn es nach der Befüllung des Automaten zu einem Zündversagen kommt und sich das zündfähige Gemisch infolge dessen im Foyer oder Gebäude ausbreitet. Ein Funke genügt dann, um die Explosion im Raum herbeizuführen. Dennoch ist die Methode mittlerweile sehr beliebt. Für eine Gassprengung sind auch keine besonderen Kenntnisse erforderlich, und die benötigte Technik ist vergleichsweise einfach zu bekommen. Um gegen diese Bedrohungslage vorzugehen, haben die Banken verschiedene Möglichkeiten.

Vielfältige Risiken

Dass Bankautomaten so gefährdet sind, liegt an verschiedenen Faktoren, zu denen auch der Aufstellungsort und die Art des Angriffs zählen. Am niedrigsten scheint das Gefährdungspotenzial bei Automaten in 24-Stunden bewirtschafteten Bereichen. Bei Banken oder anderen Gebäuden, die einer zeitlich begrenzten Geschäftszeit unterliegen, steigt das Risiko. Wie stark hängt auch davon ab, ob ein Automat frei steht oder in einer Wand verbaut ist.

Am größten ist das Risiko für Automaten, die in Containern oder Pavillons aufgestellt sind und frei stehen. Diese sind gegen alle physischen Angriffsarten, nämlich solche mit Trenn- und Spreizwerkzeugen, Totalentwendung des Automaten und Sprengung, besonders gefährdet. Die Aufstellung eines Automaten in öffentlich zugänglichen Räumen erhöht überdies das Risiko, da hierdurch Täter relativ ungehindert an den Automaten herankommen. Dagegen scheinen kleinere oder beengte Räumlichkeiten als Aufstellungsort bestimmten Angriffen vorzubeugen, da dort Angriffe mit Brenn- und Schweißwerkzeugen eher schwierig bis gefährlich sind.

Lösungen gesucht

Die vermeintlich einfachste Lösung besteht bei einigen Banken in der Schließung des Vorraums, in dem die Automaten für gewöhnlich stehen. Hierbei müssen die Täter sich erst gewaltsam Zutritt zum Automaten verschaffen, was zusätzliche Zeit kostet und die Gefahr der Entdeckung erhöht. Diese Sicherung geht aber zu Lasten der Kunden, die sich dann nicht mehr rund um die Uhr mit Bargeld versorgen können.

Eine weitere Möglichkeit sind „intelligente Banknotenneutralisierungssysteme“. Diese verfärben oder verkleben Banknoten im Falle eines versuchten Diebstahls und machen die Scheine damit – theoretisch – für den Räuber unbrauchbar. „In einigen Ländern, darunter Belgien und Frankreich ist der Einsatz solcher Systeme gesetzlich vorgeschrieben, auch in den Niederlanden kommen solche Systeme verstärkt zum Einsatz“, so Schandry. Der Vorteil besteht vor allem in der Nachrüstbarkeit für bestehende Automaten. Allerdings gibt es ein paar Nachteile, so etwa die Unterhaltskosten für die Tintenpatronen oder im Falle einer Auslösung der aufwendige Erstattungsprozess markierter Geldscheine bei der Bundesbank. Zudem hält ein solches System die Täter nicht zwingend vom Angriff auf den Automaten ab, da es anscheinend auch für markierte Scheine einen Markt gibt. Die Tatsache, dass in Deutschland über den Einsatz solcher Systeme diskutiert wird, diese aber nicht flächendeckend eingesetzt werden, mag ein Grund sein, warum es vor allem in Deutschland in den Grenzregionen vermehrt zu Sprengungen kommt.

Speziell gegen das Aufsprengen der Automaten mit Gas gibt es mittlerweile verschiedene Angebote. Die Hersteller von Geldautomaten bieten vom VdS zertifizierte Modelle an, die bedingt durch ihre stabilere Ausführung die Explosion eindämmen und somit Kollateralschäden an Bargeld und Gebäude weitgehend verhindern. Eine Nachrüstung bestehender Automaten in dieser Ausführung ist aber nicht möglich. Ferner gibt es Lösungen, die auf eine Detektierung des einströmenden Gases abzielen und dieses dann neutralisieren.

Vorrangiges Ziel ist, die Sprengung zu verhindern, die dann oftmals unkontrollierte Ausmaße annehmen kann. Beim System von TSG werden hierzu Hochspannungsmodule in den Geldautomaten verbaut, die nach Detektierung von Gas durch eine Fast Response Detection Unit (FRDU) gezündet werden. Hierdurch verpufft lange vor dem Erreichen einer kritischen Konzentration das Gas. Gleichzeitig wird die Alarmkette in Gang gesetzt. Das System verfügt über eine eigene Stromversorgung im Falle eines Stromausfalls und ist vollständig funktionsüberwacht, sodass bei einer Störung eine entsprechende Meldung abgesetzt wird.

Alle Maßnahmen sollten, sofern möglich, durch eine Einbruchmeldeanlage und entsprechende Videoüberwachungstechnik vervollständigt werden. Letztere wird beispielsweise vom Zugangskontrollsystem der Bank (Foyertür) und dem Geldautomaten gesteuert. Wichtig ist hierbei, dass die Aufzeichnungen im Nachhinein von ihrer Qualität her verwertbar sind. Ferner ist es sinnvoll, dass das vollständige Ereignis, also vom Betreten bis hin zum Verlassen des Raums, in dem der Geldautomat aufgestellt ist, aufgezeichnet wird. Je nach Aufstellungsort der Videoüberwachung lassen sich so auch „Skimming“-Attacken auf Geldautomaten entdecken und eine Manipulation der Geldausgabe verhindern beziehungsweise rechtzeitig nachvollziehen.

Welche dieser Lösungen die richtige ist, hängt vom Einzelfall ab. Häufig treten die Fälle, bei denen physisch massiv gegen einen Geldautomaten vorgegangen wird, im ländlichen Raum auf. Dort sind es die unter Umständen längeren Interventionszeiten der Polizei und eine insgesamt recht günstige Verkehrsinfrastruktur, die Bankfilialen oder andere Einrichtungen mit Geldautomaten ins Visier der Täter rücken. Das oftmals rücksichtslose Vorgehen im Hinblick auf mögliche Kollateralschäden, gerade auch für unbeteiligte Personen, stellt Institute wie Behörden vor neue Herausforderungen.

Hendrick Lehmann
Die Volksbank der Ortschaft Vehlefanz in Brandenburg nach der Sprengung des Geldautomaten im Juni 2015: Da die Automaten häufig in Foyers oder Schalterhallen aufgestellt sind, ist aufgrund der Druckwelle mit schweren Schäden am Gebäude zu rechnen.
Foto: Dirk Ingo Franke

Sicherheitskonzepte

Herausforderung für Banken: Sprengung von Geldautomaten

Banken sind sich der Gefahren von Angriffen auf Geldautomaten meist bewusst. Dennoch kommt es immer häufiger zu erfolgreichen Sprengungen.

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Bundeslagebild Angriffe auf Geldautomaten

Jackpotting und Blackboxing

Vor zwei Jahren veröffentlichte das Bundeskriminalamt erstmals das Bundeslagebild „Angriffe auf Geldautomaten“. Darin werden Lageinformationen zu technischen Manipulation von Geldautomaten sowie zu besonders schweren Fällen des Diebstahls aus Geldautomaten zusammenfassend dargestellt. Die aktuellen Zahlen zeigen einen deutlichen Anstieg von Geldautomatensprengungen.

Geldautomaten sind häufig Opfer von Sprengungen: EAM verringern den Druck der Explosionswelle und minimieren Schäden im Umfeld.
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Mechanische Sicherheit

Verbesserter Sprengschutz für Geldautomaten durch EAM

Energieabsorbierende Module (EAM) schützen die in Geldautomaten verbauten Tresore effizienter vor Sprengstoffangriffen und minimieren Schäden im Umfeld.

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Secu/Stacke

EAM-Kit schützt Geldautomaten vor Sprengung

Allein in Nordrhein-Westfalen haben Bankräuber 2015 rund 50 Geldautomaten gesprengt. Ein neuartiges Produkt der Secu Sicherheitsprodukte GmbH und der Stacke GmbH kann diese Serie stoppen.