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Frachtdiebstahl

Schulterschluss gefordert

Banküberfälle sind out, Ladendiebstähle bringen nur „Peanuts“ ein – Cargo-Crime ist dagegen eine Deliktform, die sich wachsender Beliebtheit erfreut. Nun gibt es verschiedene Initiativen wie beispielsweise die Transported Asset Protection Association (Tapa), die diesem Trend entgegenwirken wollen.

PROTECTOR: Cargo-Crime: Welche Delikte verbergen sich hinter diesem Schlagwort? Reden wir vorrangig von gestohlener Ware, die auf der Straße transportiert wird, oder auch von solcher auf dem Wasser- oder Luftweg?

Jörg Schib: Leider sind alle Transportwege und -routen betroffen; haben wir uns früher auf die Sicherung und den Schutz von Lägern und Logistikzentren konzentriert, müssen wir heute feststellen, dass alle Teile und Bereiche unserer globalen Supply Chains Angriffsfläche bieten und von organisierter Bandenkriminalität bedroht werden. Piraterie ist hier nur eines der weltweiten Risiken, ein stark wachsender Verkehrszweig sind die Bahnstrecken zwischen Fernost und Europa. Die großen Logistikdienstleister weichen bereits auf diese Routen aus, um die Transitzeit um nahezu die Hälfte zu verkürzen. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, wann hier die ersten großen Angriffe erfolgen.

Welche Güter sind denn am „klaubegehrlichsten“? Ein Transporter mit Legosteinen – wie jüngst bei uns in der Region geschehen – ist da sicher die Ausnahme, oder?

Gestohlen wird, was verkauft werden kann. Ein Beispiel: Wir alle vergleichen Preise im Internet und kaufen beim günstigsten Online-Shop oder von privat auf Flohmärkten. Der Ursprung der Waren kann in den aller meisten Fällen überhaupt nicht mehr nachvollzogen werden – auch weil es bei vielen Waren an einer eindeutigen Registrierung oder Seriennummer fehlt.

Jörg Schib ist langjähriges Mitglied in der Tapa sowie der Esporg, der European Secure Parking Organisation.

Tel.:
+49 30 31909-229
E-Mail:
jschib@tycoint.com
www.tapaemea.com

Ihre angesprochenen Legosteine finden hier genauso einen attraktiven Markt wie Parmesankäse aus Italien, Fisch aus Skandinavien oder Rasierklingen aus Deutschland. Die Zeiten, in denen nur teure Produkte oder Markenprodukte gestohlen wurden, sind lange vorbei. Die Statistik für 2014 beziffert Lebensmittel mit einem Anteil von ungefähr 15 Prozent als das beliebteste Objekt der Begierde, gefolgt von Unterhaltungselektronik (13 Prozent), Reifen und Autoteile (zehn Prozent), Bekleidung und Schuhe (zehn Prozent), Paketsendungen (neun Prozent), Werkzeuge und Baubedarf (neun Prozent), Metalle und Metallwaren (sieben Prozent). Erstaunlich gering sind die Anteile von Tabakwaren (fünf Prozent) und pharmazeutischen Produkten (drei Prozent).

Und in welchen Ländern kommen die meisten Güter abhanden?

Organisierte Bandenkriminalität und Frachtendiebstahl bedrohen uns global. Dies als Problem der Balkanstaaten einzugrenzen oder kleinzureden, ist mir persönlich viel zu einfach. Das wird auch durch die betroffenen Top 10 Länder im Jahr 2014 deutlich, aus denen die meisten Fälle gemeldet wurden – in alphabetischer Reihenfolge: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande, Österreich, Russland, Schweden, Spanien und Südafrika.

Die Zeiten, in denen wir von „denen und deren Probleme da drüben“ sprechen, sind also vorbei. Wir verzeichnen eine Art Wanderkriminalität - immer dort, wo benötigte Waren grade hergestellt oder versendet werden, wird zugeschlagen. Es ist eine Art Katz-und Maus-Spiel geworden, leider oft mit dem besseren Ende für die Kriminellen. Oftmals ziehen organisierte Banden durch ganz Europa - frei nach dem Motto: Heute holen wir uns Champagner aus Frankreich, morgen Polohemden aus Italien und übermorgen Haushaltswaren aus Deutschland.

Nachdem in Deutschland der Frachtdiebstahl nicht gesondert in der PKS ausgewiesen wird – kann man überhaupt beziffern, wie hoch der Schaden europaweit ist?

Allerdings, hier liegen uns sehr konkrete Zahlen vor. Alleine in Europa wird der jährliche Verlust an Waren mit 8,2 Milliarden Euro beziffert. 2014 wurden beispielsweise 1.102 Fälle gemeldet - sei es ein einfacher Einbruch in ein Lager oder aber ein gewaltsamer Diebstahl eines kompletten LKWs.

Die Dunkelziffer dürfte in allen Bereichen allerdings um ein vielfaches höher liegen. Viele Unternehmen möchten anonym bleiben und melden solche Schäden einfach gar nicht. Einige Kennzahlen verdeutlichen, wie dramatisch die Situation ist: 2012 wurden in Deutschland 115 Fälle gemeldet; im Jahr 2013 waren es bereits 200 Fälle, und 2014 stieg die Anzahl der gemeldeten Fälle auf 285 an – eine jährliche Steigerung um 42,5 Prozent.

Besonders dramatisch ist die wachsende Gewalt und Gefahr für Leib und Leben, die von den Angreifern ausgeht. Theoretisch wird alle drei Tage ein Gewaltverbrechen verübt.

Vor sieben Jahren hat sich nun die Tapa gegründet. Mit welchen Zielen?

Die Tapa ist ein globales Forum für Hersteller, Logistikdienstleister, Strafverfolgungsbehörden und Partner mit dem gemeinsamen Ziel, Frachtendiebstahl und Schäden durch organisierte Kriminalität wirksam zu bekämpfen. Die Tapa-Vereinigung arbeitet in Nordamerika, Asien und EMEA und umfasst heute mehr als 600 ständige Mitglieder mit einem Gesamtumsatz von ungefähr 900 Milliarden Euro.

Welche Vorteile bringt eine Mitgliedschaft für ein Unternehmen mit sich beziehungsweise wie werden die Mitglieder besonders geschützt?

Als Tapa-Mitglied haben Sie Zugang zu allen internen Datenbanken und die Möglichkeit, sich mit anderen Mitgliedern auszutauschen. Die Tapa bietet dazu bei Bedarf die Möglichkeit, mit Technologiepartnern in Kontakt zu treten. Die durch die Tapa entwickelten Sicherheitsstandards sind ein Leitfaden, um Lieferketten noch wirksamer zu schützen und den weltweiten Handel sicherer zu machen. Darüber hinaus ist die Tapa aber auch eine Informationsbörse und Diskussionsplattform; Tapa-Mitglieder haben Zugang zu Länderkonferenzen sowie regionalen Konferenzen und werden regelmäßig mit relevanten Branchennews versorgt.

Wie sehen diese Sicherheitsstandards aus?

Die Tapa –wie andere Organisationen auch - hat verschiedene Sicherheitsstandards zu Schutz von weltweiten Supply-Chains entwickelt. Zu nennen sind hier insbesondere die TSR (Truck Security Requirements)-Standards, FSR (Facility Security Requirements)-Standards und TACSS (Tapa Air Cargo Security Standards). Diese Richtlinien decken bereits ein sehr breites Spektrum der Logistik ab. Ausruhen dürfen wir uns hierauf ganz sicher nicht.

Kann Frachtdiebstahl generell verhindert werden?

Generell verhindern lässt sich Frachtendiebstahl nicht. Firmen wie zum Beispiel Tyco Integrated Fire & Security entwickeln aber bestehende Technologien weiter und finden so neue Lösungen zum Schutz von Menschen und Vermögenswerten. Wir müssen uns aber mit der Situation vertraut machen, dass die organisierten Banden über die finanziellen Mittel und das Know-how verfügen, uns zu überflügeln. Wir brauchen also starke Partner und wirksame Konzepte zum Schutz unserer Lieferketten.

Müssen denn Lkw, die die oft immensen Werte transportieren, bald schon wie Geld- und Werttransporter ausgerüstet werden?

Dieses Stadium haben wir schon lange erreicht. Längst sind normale LKW fahrende Tresore geworden. Das Spektrum reicht von lückenloser GPS- und Satellitenüberwachung über verstärkten Bordwände und Türen bis hin zu fernverschliessbaren Fahrzeugen und ferngesteuerter Motorelektronik. Einige Transporte werden sogar von bewaffneten Eskorten begleitet.

Sie nannten bereits die Tapa-Standards. Gibt es im Zeitalter der Globalisierung andere internationale Richtlinien, die Cargo-Crime vorbeugen? Gibt es eine grenzübergreifende Zusammenarbeit von Logistikunternehmen und Behörden?

Neben den weltweit geltenden Tapa-Standards gibt es noch weitere weltweite Richtlinien wie etwa der C-TPAT (Customs – Trade Partnership Against Terrorism) oder die ISPS Codes (International Ship & Port Facility Security) im Seeverkehr, um nur einige zu nennen. Darüber hinaus haben einige Branchen, wie beispielsweise die Pharmaindustrie, eigene Richtlinien - die GDP (Good Distribution Practices) - entwickelt. Logistikunternehmen und Hersteller arbeiten bereits global zusammen; die Strafverfolgungsbehörden haben meiner Meinung nach noch Luft nach oben. Eine verstärkte Zusammenarbeit ist wünschenswert und auch notwendig.

Der Trend zum Online-Shopping schreitet voran. Wirkt sich das auf Cargo-Crime aus? Welche Rolle spielt die Cyberkriminalität dabei?

Ob Online-Shopping den Frachtendiebstahl maßgeblich beeinflusst, vermag ich an dieser Stelle nicht zu beurteilen. Es gibt sicherlich Anzeichen. Am Ende des Tages müssen die Waren versendet werden, also sicher von A nach B gelangen. Die wachsende Bedeutung des Online-Handels trägt aber ganz sicher wesentlich zur Veränderung der Warenströme bei – Paketdienste werden weiter wachsen und etablierte Logistikdienstleister werden verstärkt auf die KEP (Kurier, Express und Paketdienste)-Karte setzen.

Sie sprechen das Thema Cyberkriminalität an: Hier sehe ich dramatischere Auswirkungen. Phishing oder Website-Hi-Jacking kennen wir heute bereits. Die Gefahr, dass sich die organisierten Banden nicht nur auf den Warenklau konzentrieren, sondern auch Zahlungsverkehre angreifen, ist ganz sicher nicht von der Hand zu weisen. Banken berichten heute schon von Cyberangriffen und einen wahren Krieg um die Datensicherheit.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wir müssen alle noch enger zusammenrücken, manchmal auch unser Wettbewerbsdenken über Bord werfen. Das mag ein naiver Wunsch sein, aber wenn wir unsere Rennen gegen die Kriminalität nicht heute schon verlieren wollen, wird es nicht anders gehen.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn Sie heute mit einen LKW über die bundesdeutschen Autobahnen fahren, müssen Sie Ihre Lenk- und Ruhezeiten minutiös planen. Wo aber parken Sie über Nacht, wenn schon ab 18 Uhr alle Tank- und Rastanlage überfüllt sind und sichere Parkplätze, „Secure Parkings“, an einer Hand abzuzählen sind? Hier muss auf EU-Ebene gehandelt werden – und zwar schnell. An die Hersteller der von Sicherheitstechnik kann ich nur appellieren, über den Tellerrand zu schauen. Sich auf den Best Practices auszuruhen, wird nicht mehr ausreichen.

Annabelle Schott-Lung