Foto: pixabay/dimitrisvetsikas 1969

Sicherheit im Fußballstadion

Unbeschwert auf der Tribüne

Betreiber von Fußballstadien müssen heute integrierte Sicherheitssysteme vorweisen, die Feuerwehr, Polizei und Ordnungskräfte optimal unterstützen. Abhängig von der Dimension der Spielstätten sind dabei unterschiedliche Lösungen erforderlich.

Seit den Stadionkatastrophen der 1980er Jahre, die in Europa Hunderte von Fußballfans das Leben kosteten, stehen Sicherheitsfragen im Zentrum der Agenda von Stadionbetreibern. Bauliche, organisatorische und betriebliche Mängel wurden konsequent behoben, auch die Sicherheitssysteme wurden grundlegend überarbeitet. Mit Erfolg: Verbesserungen bei Brandschutz, Gewaltprävention und Einlasskontrolle haben die Wiederholung von Tragödien wie in Bradford, Brüssel und Sheffield verhindert und die Unbeschwertheit auf die Tribünen zurückgebracht. Dass das Thema gleichwohl nicht ausgestanden ist, zeigt die wachsende Gewaltbereitschaft, die seit einiger Zeit auch in der deutschen Fanszene zu beobachten ist. Gefährlicher Einsatz von Pyrotechnik, Schlägereien unter rivalisierenden Anhängern sowie Sachbeschädigungen im Umkreis der Stadien machen deutlich, dass kein Anlass besteht, sich in Sicherheitsdingen zurückzulehnen.

Bei Sicherheit Spielgenehmigung

Schon 2013 hat der Deutsche Fußball- Bund (DFB) deshalb die Sicherheitsrichtlinien für Stadien der obersten drei Spielklassen verschärft und den Betreibern unter anderem eine Optimierung der technischen Überwachungs- und Kommunikationssysteme abverlangt. Gefordert sind integrierte Sicherheitslösungen, die Feuerwehr, Polizei und Ordnungskräften ein zentralisiertes und reaktionsschnelles Handeln ermöglichen. Die Erfüllung dieser Auflagen ist eine Voraussetzung für das erfolgreiche Durchlaufen von Lizenzierungsverfahren: Wer kein sicheres Stadion nachweisen kann, erhält keine Spielgenehmigung für den Profifußball. Das bedeutet, dass längst nicht mehr nur die namhaften Klubs mit ihren repräsentativen Arenen gefordert sind – auch kleinere Vereine müssen ihre Stadien auf einen angemessenen sicherheitstechnischen Stand bringen.

Die Ausstattung kleiner Stadien

Ein gelungenes Beispiel für die entsprechende Ausstattung eines kleineren Stadions ist der Erdgas Sportpark in Halle an der Saale, der dem ostdeutschen Drittligisten Hallescher FC als Heimspielstätte dient. Das 15.000 Zuschauer fassende und vollständig überdachte Stadion, das auch für die Zweite Bundesliga eine Betriebsgenehmigung besitzt, entstand im Hallenser Stadtzentrum und wurde von der Euromicron Gruppe gemäß den DFB-Richtlinien mit einer sicherheitstechnischen Komplettlösung ausgerüstet. Diese basiert auf einer zukunftssicheren Netzwerkinfrastruktur mit Datennetz aus Kupferverkabelung, Glasfaserstrecken und WLAN-Zugangspunkten. Hierauf sind Brand- und Sprachalarmierung sowie Videoüberwachung aufgesetzt; zentrale Funktionsräume wie Sicherheitsleitstelle, Stadionsprecherkabine und Verwaltungsbüros wurden über ein ausgefeiltes ITK-System untereinander vernetzt. Die Ganzheitlichkeit dieses Ansatzes verbindet sich mit bedarfsoptimiertem Zuschnitt im Detail. Die Brandmeldeanlage (BMA) etwa ist mit individuell bedienbaren und fehlalarmgesicherten automatischen Brandmeldern ausgestattet, alle Informationen laufen mittels intelligenter Meldetechnik in der Feuerwehrleitstelle zusammen, wo sich zentrale Bedienvorrichtungen für Rauchabzugs- und Feuerlöschanlagen sowie Alarm- und Lautsprechersysteme befinden. Durch Einbindung der BMA in die Sprachalarmierungsanlage (SAA) werden im Brandfall außer dem in definierten Bereichen automatische Lautsprecherdurchsagen generiert.

IP-Kameras einzeln ansteuern

Für die Videoüberwachung der Tribünen sowie der Eingangs- und Parkplatzbereiche wurden insgesamt 16 IP-Dome-Kameras mit 360-Grad-Schwenkradius und Zoom- Funktion fest installiert. Ergänzend stellt die Polizei bei jedem Spiel noch mobile Kameras. Die Aufzeichnungen werden mit Hilfe einer Videomanagement-Software analysiert und ausgewertet. Über eine grafische Benutzeroberfläche, die Stadiongrundriss und Kamerastandorte wiedergibt, lässt sich jede Kamera zudem von der Sicherheitsleitstelle aus anwählen und individuell steuern. Eine solche grafische Bedieneroberfläche wurde parallel dazu auch für Beschallung beziehungsweise Sprachalarmierung realisiert. Zuschauerränge, Kabinentrakte oder Ein- und Ausgänge lassen sich individuell anwählen, was Einzeldurchsagen für die jeweiligen Stadionbereiche ermöglicht. Um auf den Zuschauerrängen optimale Sprachverständlichkeit zu garantieren, zugleich aber auch die innerstädtischen Lärmschutzvorschriften einzuhalten, wurden 28 verzerrungsarme 400-Watt-Hochleistungsboxen installiert und auf den maximal zulässigen Lärmpegel abgestimmt. Ihre Leistung kann In Notfallsituationen kurzfristig auf 1.600 Watt vervierfacht werden. Darüber hinaus können Hinweise der Sicherheitskräfte über die rund sechs mal fünf Meter große Videoleinwand eingeblendet werden, deren leuchtstarkes LED-Videodisplay selbst bei direkter Sonneneinstrahlung ein kontrastreiches Bild garantiert. „Die Hallenser Komplettlösung zeigt exemplarisch, wie die sicherheitstechnische Ausstattung eines Stadions dieser Größe heute aussehen sollte“, erläutert Thomas Kautenburger, Innovationsmanager bei der Euromicron Gruppe. „Die Lösung erfüllt alle Richtlinien, bietet den Sicherheitskräften durch geschickte Vernetzung umfassende Unterstützung und ist – ein ganz wichtiges Argument – für einen Drittligaverein wirtschaftlich machbar.“

Gefahrenmanagement für Großarenen

In Großarenen, in denen auch internationale Spiele ausgetragen werden, seien dann aber weiterführende Konzepte gefragt. „Das ist eine andere Dimension, die wir auch gut kennen, weil wir im Breslauer EM-Stadion und im berühmten Giuseppe- Meazza-Stadion in Mailand durch Industrieswitche die Netzwerkinfrastruktur der Videoüberwachungssysteme unterstützen“, sagt Kautenburger. „Allein in Breslau, dem kleineren Stadion, wurden 365 IP-Kameras installiert, gegenüber 16 in Halle. Von den anderen Sicherheitssystemen reden wir da noch gar nicht. Das zeigt, auf welchem Level im internationalen Bereich gearbeitet wird – wo dann aber auch ganz andere Mittel zur Verfügung stehen.“ Die komplexen Sicherheitslösungen für Stadien dieser Größe sind laut Kautenburger nur noch mit Hilfe übergeordneter Gefahrenmanagementsysteme zu beherrschen, in die alle einzelnen Sicherheitssysteme integriert werden können. Solche zentralisierten Lösungen optimieren die Auswertung und Verwaltung aller Sicherheitstools und erleichtern es zudem, weitere Security-Lösungen gewinnbringend einzusetzen – etwa Zutrittskontroll- oder Drohnenabwehrsysteme. „Als Systemintegrator sind wir nicht nur mit Überwachungs-, Analyse- oder Abwehrtools von Anbietern wie Axis, Seetec oder Dedrone vertraut, sondern auch mit der Einbindung solcher Tools in Gefahrenmanagementsysteme wie etwa Win guard“, so Kautenburger. „Wir können deshalb aus eigener Beobachtung sagen, dass diese Zentralisierung letztlich nur Vorteile bringt – und ab einer gewissen Größenordnung ist sie eigentlich unverzichtbar.“

Absicherung des Abreiseverkehrs

Hochintegrative Gefahrenmanagementsysteme, wie sie Kautenburger für größere Stadien empfiehlt, eröffnen übrigens theoretisch auch die Möglichkeit, die Stadionsicherheitslösung als Ganzes mit externen Sicherheitsleitstellen der örtlichen Polizei oder auch den Leitstellen der Bundespoli zei in den Bahnhöfen zu vernetzen. Das ist insofern interessant, als die Polizeibehörden stadionnahe Sicherheitsmaßnahmen mit der Absicherung des An- und Abreiseverkehrs kombinieren. Das Sicherheitskonzept der Deutschen Bahn etwa, das die Euromicron Gruppe durch IP-Videoüberwachungslösungen für die Hauptbahnhöfe Hamburg, Hannover und Köln unterstützt hat, ist auch auf die Reisesituation an Spieltagen ausgelegt. Vernetzte Lösungen, welche die an solchen Knotenpunkten gewonnenen Informationen mit anderen Sicherheitsinfos zusammenzuführen, könnten das Modell der Zukunft sein – und damit das richtige Werkzeug, um die Unbeschwertheit auf den Tribünen zu erhalten.

Michael Beyrau, Riba:BusinessTalk für euromicron AG