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Ausweismedien als intelligente Schalter

Ungenutzte Potenziale

Trotz steigender Energiepreise und einem unausweichlichen Trend zur mehr Effizienz in Unternehmen liegen viele Sparpotenziale brach. Vor allem die Möglichkeiten der gewinnbringenden Integration von Zutritts- und Gebäudetechnik werden noch zu selten praktisch umgesetzt. Warum dies so ist, war Thema beim PROTECTOR Forum Zutrittskontrolle 2012.

Gleich zu Beginn der Diskussion skizzierte Moderator Boris Stamm mustergültige Beispiele für die gelungene und effiziente Integration von Gewerken: „Mir ist eine Fülle von Anwendungen bekannt, in denen man Zutrittsmedien als intelligente Schalter nutzen kann. Sei es der Werksmeister, der allmorgendlich durch seine Buchung am Schlagbaum des Firmenparkplatzes automatisch bestimmte Maschinenvorläufe für die Mitarbeiter auslöst. Oder denken wir an Krankenhäuser: Hier kann das gesamte Personal morgens bereits an einer automatisierten Kittelausgabe einen frisch desinfizierten Kittel ausgehändigt bekommen. Mit einer solchen Lösung kann auch der Letzte beim Verlassen automatisch das Licht ausschalten und die Heizung herunterfahren, was enorm Energie sparen könnte. Dennoch wird so etwas nur in Ausnahmefällen umgesetzt, warum?“

Carsten Hoersch von Sesam sieht hier ebenfalls eine Lücke zwischen Theorie und Praxis: „In unseren Projekten kommen solche multifunktionalen Applikationen natürlich zur Sprache, aber oft bleibt das sehr theoretisch. Für den Kunden hört es sich gut an und er zeigt sich zunächst begeistert, aber letztlich wird fast nichts davon umgesetzt.“ Kester Brands von Tyco Security Products sieht die Lage ähnlich ernüchternd: „Ich kann mich nur anschließen, eine solche Verknüpfung ist zwar vielfach gefragt, wird aber nur sehr selten umgesetzt – trotz des Ersparnispotenzials. Häufig ist die Perspektive der multifunktionalen Nutzbarkeit noch nicht beim Endnutzer angekommen. Es kommt auch hinzu, dass sich die wenigsten ein solches Projekt zutrauen.“

Statements

„Es wird in naher Zukunft gute Ansätze geben, dass Gebäudetechnik und Sicherheitstechnik stärker zusammenwachsen. Für viele Funktionalitäten wird künftig der Ausweis oder sogar das Smartphone das multifunktionale Medium der Wahl sein. Leider fehlen auch bei den Planern, den Architekten und den Projektmanagern noch die Visionäre, um solche übergreifende Funktionalitäten zu konzipieren.“
Volker Kraiss, Senior Consultant, Kraiss & Wilke Security Consult


„Die Multiapplikations- karte ist heute Standard, wenn es die Einbindung biometrischer Templates oder um die Verknüpfung von Zeit und Zutritt geht. Aber in der Praxis stellt man häufig fest, dass die Integration kaum tiefer geht. Nachgelagerte Funktionalitäten sind nur dann wirkungsvoll umzusetzen, wenn man seine Prozesse ganz klar definiert hat und auch im Alltag fest im Griff hat. Genau daran hapert es allerdings oft in den Projekten.“
Horst Eckenberger, CEO, Primion Technology AG


„Die Diskussionen zeigen immer wieder: Es gibt auf der einen Seite das Verschmelzen der Gewerke in Großanwendungen – auf der anderen Seite haben wir im täglichen Geschäft aber genauso das Autohaus oder den Bäckereibetrieb mit drei Türen. Deswegen wird es immer eine große Bandbreite geben, was im einzelnen kontrolliert werden soll und was die Zutrittskontrolle im einzelnen alles leisten kann.“
Jürgen Alz, Produkt Management Security, Geschäftsfeld Gebäudesicherheit, Bosch Sicherheitssysteme GmbH

Begrenzt integriert

Eines der wenigen Felder, in denen eine automatische Verknüpfung bereits häufiger genutzt wird, ist die Anbindung einer Einbruchmeldeanlage, wie auch Jürgen Alz von Bosch Sicherheitssysteme weiß: „Der klassische Mehrfachnutzen der Karte ist, neben der Bezahlfunktion für die Kantine, heute hauptsächlich die Scharfschaltung der EMA. Aber es betrifft auch den Bereich 'Template on Card' bei Biometrie-Lösungen. Der Mehrfachnutzen der Karte wird meiner Meinung nach auch sehr stark durch die Kartenhersteller getrieben werden.“

Sven Däberitz von Intrakey erlebt in der Praxis auch eher einfache Verknüpfungen: „Oft müssen in unseren Projekten Einbruchmeldeanlagen eingebunden werden, das ist heute technischer Standard. Bedingt durch unsere zahlreichen Kunden im Hochschulbereich integrieren wir häufig auch die Verwaltung und Abrechnung von Druck- und Kopiergeräten sowie bargeldlose Zahlsysteme für Parken, Mensa und Bibliothek. Weitergehende Anforderungen sind aber eher selten.“

Rainer Füess von Tisoware sieht die Grenzen ebenfalls klar abgesteckt: „Die Multifunktionskarte hat bei den klassischen Anwendungsfeldern Einzug gehalten – Zeiterfassung, Zutritt, Datenerfassung, Kantinenabrechnung und dergleichen. Wir betreuen auch vorrangig den gehobenen Mittelstand – dort wird eine Integration der Karte in Gebäudetechnik, Heizung und Licht momentan noch kaum gefordert. Es kann aber sein, dass sich das künftig ändert.“

Multiapplikation versus Multifunktion

Ein Hinderungsgrund in diesem Zusammenhang könnte auch sein, dass oft nicht ganz klar ist, was mit echter Multifunktion gemeint ist und wo die Unterschiede zur von Kartenherstellern vielfach beworbenen Multiapplikation liegen. Hier sieht Albrecht Kimmich von Kaba noch Bedarf für eine klarere Differenzierung: „Häufig werden hier zwei Dinge miteinander vermischt: einmal die Multiapplikation auf einer Karte und dann die Multifunktion, die man mit einer Buchung auslösen kann.

Die Multiapplikation hat schon lange Einzug gehalten, egal ob im Cash-Bereich, für die Zeiterfassung, für die biometrischen Merkmale auf der Karte oder zur Fahrstuhlsteuerung. Aber das Szenario, dass beim Kommen automatisch Maschinen hochgefahren werden oder der letzte Mitarbeiter mit der Gehen-Buchung das Licht ausschaltet und die Heizung herunter regelt, das ist klare Multifunktion, die noch wenig verbreitet ist, weil es viel komplexer umzusetzen ist. Denn wie kann das System erkennen, welcher wirklich der letzte Mitarbeiter ist? Oder wie erkennt man, wer berechtigt ist, durch sein Kommen die Maschinen zu starten?“

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Zusatznutzen von Zutrittskontrolle erkennen

Das Mehr gewinnt

Der Trend zu mehr Effizienz in Unternehmen erfordert schlanke Systeme, die Prozesse optimieren und Ressourcen optimal nutzen. Auf Basis der Zutrittskontrolle lassen sich viele solcher Mehrwerte generieren, jedoch werden sie in Praxis noch zu selten voll ausgeschöpft, wie auch die Diskussion während des PROTECTOR Forums Zutrittskontrolle 2013 zeigte.

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Dank intelligenter und ständig vernetzter Kommunikationsgeräte sind auch komplexe technische Systeme heute portabler und flexibler denn je. In der Zutrittskontrolle bringt dies Vorteile, kann jedoch auch Risiken schaffen.