Gemeinsame Administration

Vereinte Parallelwelten

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Eine Frage der Tiefe

Die Frage ist hierbei immer, wie tief eine Integration gehen muss und welchen Zweck man damit verfolgt. Denn für den Anwender wäre es in erster Linie wünschenswert, dass ihm dadurch langfristig Zeit und Geld gespart wird – etwa, weil er einen sehr viel geringeren Verwaltungsaufwand hat. Das spräche für eine übergeordnete Sicherheitssoftware, die als alleinige Benutzeroberfläche für alle darunter liegenden Systeme fungiert. Carsten Hoersch von Sesam Elektronische Sicherheitssysteme sieht diese langsam auf dem Vormarsch: „Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass diese Security-Managementsysteme in Deutschland, vor allem in den kleineren Objekten, noch nicht so verbreitet sind. Dagegen trifft man sie im Ausland schon viel häufiger an. Dort werden sie auch häufig vorausgesetzt. Das führt natürlich dazu, dass man als Hersteller möglichst kompatibel sein muss und softwareseitig auch die entsprechenden Schnittstellen anbieten muss.“

Bernd Lesemann von Opertis sieht den Nutzen solche Systeme vor allem bei Großanwendern: „Das ist eher für größere Unternehmen interessant, die mehrere Standorte und Systeme administrieren müssen. Wir bieten in dem Zusammenhang eine flexible Verwaltungssoftware mit Schnittstellen an, mit denen man integrativ mit einer anderen Software arbeiten kann. Generell hat sich die Lage aber entspannt. Es wurde schon mal heißer diskutiert, als es jetzt in der Praxis umgesetzt wird. Früher hieß es oft, dass es schwierig sei oder gar unmöglich, etwas zu integrieren. Aber ich denke die Integration von zum Beispiel Zutrittskontrollsystemen online wie offline funktioniert mittlerweile sehr gut.“

Jürgen Mattheis von FSB Franz Schneider Brakel stimmt zu: „Ich glaube auch, dass das ein Ansatz ist, der sich sehr stark auf große Objekte bezieht. Flughäfen beispielsweise wollen gerne alles miteinander verquicken und die Administration in einer eigener Software bündeln. Das ist schon ein ziemlicher Aufwand und kostenintensiv.“ Dabei gibt es manchmal noch Hindernisse, ergänzt Axel Schmidt: „Die Hemmnisse der zentralen Administration sind eventuell noch die Investitionen für die Integration, doch hinterher spart sich der Kunde eine Menge, weil er nur noch an einer Stelle und mit weniger Aufwand verwalten muss. Und dass eine vernünftig geplante Integration auch kostenmäßig im Rahmen ist, dafür sind die Hersteller in einem Projekt mit verantwortlich.“

Statements

„Man sollte auch immer bedenken: Wir reden über Sicherheitstechnik. Den Aspekt der Sicherheit darf man nicht zunehmend aufweichen, einfach nur um Kompatibilität zu schaffen. Wenn man etwa eine Mifare Desfire-Karte verwendet, aber nur die UID ausliest und diese wegen der Integration mit Wiegand 26 Bit überträgt, dann bricht die Sicherheit schlagartig zusammen. Auch wenn der Kunde vielleicht zufrieden ist, weil die Karte überall gelesen werden kann.“
Carsten Hoersch, Geschäftsführer, Sesam Elektronische Sicherheitssysteme


„Online und Offline sind heute nicht mehr so ohne weiteres zu trennen, so dass es eine Integration auch geben muss. Dort wo Medien von Mifare und Legic verwendet werden, geht es am einfachsten über die Ausweiskarten. Und überall dort, wo man proprietär arbeitet, ist der Aufwand eben etwas höher. Auf der Ebene, wo man Schnittstellen braucht, erledigen dies unsere Softwarehäuser.“
Gerhard Haas, Bereichsleiter Datentechnik, PHG Peter Hengstler

Der nächste Schritt?

Es scheint fast, dass angesichts des Integrationsaufwands und der Kosten ein gemeinsamer Standard der logische nächste Schritt wäre. Doch die Meinungen hierzu gehen auseinander. Gerhard Haas von PHG Peter Hengstler erklärt: „Wenn es um die bestmögliche Kompatibilität bei geringem Aufwand geht, dann reden wir quasi von einem Standard – vor allem, wenn der Nutzer nur noch eine Software bedienen soll. Wenn man sich etwa die Bacnet-Welt anschaut, dort gibt es einen Standard, zu dem jeder, der dort seine Komponenten oder Lösungen anbieten will, auch kompatibel sein muss. Dieser Ansatz führt natürlich weg von den Datenbanklösungen, und jeder müsste dazu auch ein Stück weit seine Geheimnisse herausgeben, die er vielleicht gar nicht herausgeben möchte.“ Axel Schmidt ist skeptisch: „Wir reden hier bestenfalls vom kleinsten gemeinsamen Nenner, das ist bei OPC genauso wie bei Bacnet. Aber ganz viele Sonderfunktionen und Alleinstellungsmerkmale der einzelnen Systeme fallen in einem solchen System weg. Ich denke, damit wäre keiner mehr glücklich.“

Thomas Weber sieht dennoch Standardisierungstrends am Markt: „Es gibt Bestrebungen zur Standardisierung von Datensätzen auf Ausweisen. Hierbei werden zukünftig die Daten in einer bestimmten Struktur auf dem Ausweis hinterlegt, so dass es egal ist, ob ein Datensatz nun vom System A oder B kommt. Meine Erfahrung ist, diese Standardisierung ist relativ weit fortgeschritten, aber viele Vorteile, die bei proprietären Systemen zu finden sind, erfasst man mit diesem Standard nicht.“ Zumindest auf Kartenebene scheinen sich aber allein durch die begrenzte Auswahl an Anbietern langsam zumindest de-facto-Standards abzuzeichnen, die eine gewisse Interoperabilität und Austauschbarkeit ermöglichen.

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Foto: Zumpe/Gückel

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