Hundertprozentiger Schutz kann auch bei noch so gut gepanzerten Sonderschutzfahrzeugen nie garantiert werden.
Foto: TAG Germany GmbH

Sonderschutzfahrzeuge

Welchen Schutz bieten Sonderschutzfahrzeuge?

Über Sonderschutzfahrzeuge und den Schutz, den sie bieten, kursieren viele Mythen. Doch was steckt wirklich dahinter? Wie viel Sicherheit bieten sie?

Über den Schutz, den Sonderschutzfahrzeuge als „mobile Trutzburgen“ bieten, wird viel spekuliert.
Folgendes Szenario: Ein düsterer Hinterhof, aus den Gullydeckeln quillt Rauch und verschwindet träge in dunklen, nassen Häuserschluchten. Eine schlichte Limousine fährt vor, die Tür öffnet sich, und zwei Herren im akkuraten Zwirn verlassen gehetzt das Fahrzeug in Richtung Hintertür – so ähnlich malen sich Filmemacher gerne das Leben der oberen Zehntausend aus. Doch die Welt der zivilen Schutzfahrzeuge hat viele Facetten, und ein bisschen Hollywood darf dabei nicht fehlen.

Welche Fahrzeugtypen bieten welchen Schutz?

Der Transport einer schutzbedürftigen Person war schon im Mittelalter ein Kompromiss aus Agilität und Panzerung. Bis heute ist dieser Spagat zu beobachten. Mit aufwendigen Konstruktionen werden Basisfahrzeuge umgerüstet, um das enorme Panzerungsgewicht zu tragen und dabei deren Leichtfüßigkeit nicht zu verlieren.

In Zeiten immer höher werdender Anforderungen an Beschuss- und Sprengsicherheit ächzen Karosserien, Fahrwerke und Bremsen unter den Ansprüchen der Kunden. Die Wahl des richtigen Basisfahrzeuges für den jeweiligen Einsatzzweck ist hier weiterhin eine wichtiger Grundstein des Sicherheitskonzeptes. Wird das Fahrzeug rein innerstädtisch bewegt? Gibt es Emissionsvorschriften oder gar selbstauferlegte Flottenvorgaben? Fällt mein Fahrzeug im Einsatzgebiet auf oder geht es in der Masse unter? Ist mit gelegentlichem Offroad-Einsatz zu rechnen?

Diese und dutzende weitere Fragen engen den Kreis um die Wahl des richtigen Grundfahrzeuges ein. Am Ende bleiben meist nur wenige Modelle übrig. Eines der bekanntesten ist der Toyota Land Cruiser. In all seinen Varianten und Bauformen beliebt wie eh und je bei Militär, Hilfsorganisationen, Polizei oder Privatleuten. Die Toyota altehrwürdige Qualität konnte durch die Jahre bewahrt werden, viele der Komponenten verkraften selbst höchste Panzerungsstufen und Offroad-Einsätze bei hoher Zuverlässigkeit.

Von einem ganz anderen Planeten, dennoch nicht minder bekannt und geschätzt, ist die Mercedes S-Klasse. In langer Generation bewährt und beliebt bei Regierenden und Industriellen ist auch die neueste Generation eine Institution und direkt von Mercedes oder einem der unzähligen Nachrüster erhältlich. Diese beiden Fahrzeuge stehen stellvertretend für zwei Fahrzeugtypen, die Limousine und das SUV. Jedes mit Vor- & Nachteilen.

Wunsch und Realität oft weit auseinander

„Das hält dann aber auch eine Panzerfaust aus, oder?“ Diese und ähnliche Fragen machen es Kunden und Verkäufern schwer. Das Verständnis von moderner Waffentechnologie und Fahrzeugtechnik orientiert sich oft unbewusst mehr an Hollywood als an reell machbarer Schutztechnik. Vorstellungen und technisch Umsetzbares klaffen oft weit auseinander. Wo in Filmen Projektile nicht einen Kratzer im Lack hinterlassen, durchdringt ein großkalibriges Jagdgewehr fingerdicken Baustahl. Moderne Hohlladungsgeschosse, wie die weltweit verbreitete RPG-7, lassen gar einen aktuellen Schützenpanzer alt aussehen. Also was ist das richtige Schutzniveau? Die Antwort ist eine Mischung aus simpler Statistik, dem Budget des Kunden und dem Einsatzauftrag, in kurzen Worten: Die höchst mögliche Panzerungsstufe, die den Schutz-
auftrag erfüllt und parallel das Fahrzeug in allen Situation agil und beherrschbar hält.

Ist eine Schutzperson zum Beispiel vorwiegend in Kriegsgebieten unterwegs, hat sich aktuell die Schutzstufe nach Norm „VPAM BRV 2009 – VR7“ durchgesetzt. Sie zertifiziert die Resistenz gegen weit verbreitete Militärkalibier, getragen von Soldaten der größten Weltarmeen.

Unter Straßen vergrabene, improvisierte Sprengfallen, Selbstmordattentäter und nahe Artillerie verlangen einen zusätzlichen Schutz vor Ansprengung. Mit dieser am schwersten skalierbaren Gefahr befasst sich unter anderem die Norm VPAM ERV 2010. Sie testet den Angriff mit Handgranaten, Minen und seitlicher Ansprengung. Etabliert haben sich Seitenansprengungen mit 12,5 bis 20 kg PETN aus zwei bis vier Metern Distanz, wobei der Unterschied von vier auf zwei Metern eine exponentiell höhere Belastung für die Schutzzelle darstellt. Nur wenige Fahrzeuge auf dem Markt halten dieser Sprengkraft stand und bilden somit aktuell die Speerspitze des technisch Machbaren in Kombination mit genügend Reserven an Fahrsicherheit und Agilität.

Welche Ausstattung ist bei Sonderschutzfahrzeugen sinnvoll?

Elektroschocktürgriffe, Rauchgranaten und Metallspikes lassen gleich wieder etwas Hollywood-Atmosphäre versprühen, doch diese Systeme sind real erhältlich. Gleichzeitig stellt sich damit die Frage nach wirklich sinnvoller Zusatzausstattung. Als Standard für hochwertig gepanzerte Fahrzeuge sind immer als Erstes jene Komponenten zu nennen, die für die aktive Fahrsicherheit unerlässlich sind. Verstärkte Rahmen und Karosseriekomponenten, Fahrwerke, Bremsen und angepasste Assistenzsysteme bringen die Sache ins Rollen. Danach ist vieles dem spezifischen Schutzauftrag geschuldet. Häufig werden explosionsgesicherte Kraftstofftanks, Räder mit erhöhter Traglast und Notlaufeigenschaften, zahlreiche Varianten an Kommunikationsausrüstung und natürlich jeglicher Schickimicki verbaut, den eine gut betuchte Schutzperson auf ihren Reisen für nötig hält. Die Sinnhaftigkeit mancher Ausstattungsmerkmale ist oft auf den ersten Blick nicht zu erkennen, und bekanntlich bestimmen die Grenzen oft nur der Geldbeutel oder die Zuladung des Fahrzeuges.

Hundertprozentiger Schutz ist Illusion

Das Attentat auf den damaligen libanesischen Ex-Ministerpräsidenten Rafiq al-Hariri wurde mit der Sprengkraft von circa 1.000 kg TNT begangen. Auch jüngere Anschläge wurden mit einem Vielfachen der getesteten Sprengmasse verübt. Weder mit einer besseren Panzerung noch mit einer raffinierten Zusatzausstattung à la James Bond hätte Hariris überlebt. Hundertprozentiger Schutz ist und war nie möglich. Moderne Waffentechnologie und der perfide Einfallsreichtum derer, die töten wollen, werden auch in Zukunft eine Herausforderung für die Ingenieure sein.

Ein gutes Sonderschutzfahrzeug ist die Summe vieler Kompromisse, exakt abgestimmt auf sein spezifisches Einsatzszenario. Dies spiegelt auch den aktuellen Markt wieder, der eine Vielzahl an Modellen und Panzerungsstufen, aber vor allem an Qualitäten und Preisen vorhält.

Manuel B. Ramming, für die TAG Germany und Alpha Armouring Panzerung