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Perspektive der Sicherheitsdienstleister

Wichtiges Bindeglied

Vor kurzem stellte der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) die Branchenzahlen für 2015 vor. Dabei reihte sich Superlativ an Superlativ. PROTECTOR & WIK wollte nun von Dr. Harald Olschok, Hauptgeschäftsführer des BDSW, wissen, wie man sich angesichts solcher positiver Zahlen fühlt – und ob es da nicht doch auch eine kleine Skepsis gibt.

PROTECTOR & WIK: Die Branche der Sicherheits-dienstleister ist sicher erst einmal begeistert über solche Zahlen. Fassen Sie uns bitte kurz die Gründe für dieses Wachstum zusammen.

Dr. Harald Olschok:

Dieses außergewöhnliche Wachstum hat mit normalen Maßstäben nichts mehr zu tun und war hoffentlich einmalig. Es ist dem Zuzug von über einer Million Flüchtlingen und dem sich daraus ergebenden Schutz von unzähligen Flüchtlingsunterkünften geschuldet. Konflikte in und außerhalb von Flüchtlingsunterkünften nehmen zu und werden uns in der öffentlichen Diskussion noch lange begleiten.

Sie glauben also nicht, dass dieser Boom anhalten wird?

Nein, das Wachstum wird in diesem Jahr sicher zurückgehen. Auf der anderen Seite nehmen die – abstrakte – Gefährdungslage und Sicherheitsbedürfnisse zu. Denken Sie an das große und immer noch unterschätzte Thema „Wirtschaftsschutz“. Die Kontrollintensität bei Großveranstaltungen nimmt außerdem deutlich zu. Das ist nur mit mehr Personal zu bewältigen. Ein weiteres Beispiel ist der Einzelhandel, der Inventurdifferenzen in Höhe von vier Milliarden Euro meldet, und die Schäden im Logistikbereich sind noch höher.

Sie sprechen mehr Personal an: Bundesweit soll es noch ungefähr 15.000 offene Stellen für Sicherheitsdienstleister geben?

In unserer Branche gab es in den letzten Jahren bereits ohne die Flüchtlingssituation in unterschiedlichsten Bereichen viele offene Stellen. Die Ausnahmesituation im vergangenen Jahr hat die Zahl der freien Stellen nochmal immens nach oben getrieben. Wenn es nun zu Entlassungen durch den Abbau der Flüchtlingsunterkünfte kommen sollte, haben diese Sicherheitskräfte gute Chancen, in der Sicherheitswirtschaft unterzukommen. Voraussetzung ist natürlich die geforderte Zuverlässigkeit, die bekanntermaßen nicht bei allen eingesetzten Beschäftigten immer gegeben war und auch nicht ausreichend durch überforderte Behörden kontrolliert wurde.

Wenn aus dem Stand so viele Mitarbeiter gesucht werden – wie haben die Unternehmen das denn in den vergangenen Monaten geschafft und wie sieht es dabei mit der Qualifikation der Mitarbeiter aus?

Der Aufwand für die Personalgewinnung ist deutlich gestiegen. In vielen Fällen war es aus Zeitgründen allerdings nicht möglich, die geforderten gewerberechtlichen Voraussetzungen zu erfüllen. Im Übrigen auch deshalb, weil viele Industrie- und Handelskammern nicht in der Lage waren, die Unterrichtung nach § 34a der Gewerbeordnung zeitnah anzubieten. Aber auch die zuständigen Ordnungsbehörden kamen an ihre Kapazitätsgrenze. Die Zahl der gefälschten IHK-Bescheinigungen über die Unterrichtung beziehungsweise Sachkunde ist stark angestiegen.

Nun gab und gibt es ja leider immer wieder Vorkommnisse in Flüchtlingsunterkünften, die kein gutes Licht auf die Mitarbeiter vor Ort werfen. Bundesregierung und Bundesrat haben jetzt Vorschläge zur Änderung der bewachungsrechtlichen Vorschriften gemacht. Wie bewerten Sie die?

Wir begrüßen es, dass es im Bundestag in den letzten 18 Monaten vier Debatten zu den privaten Sicherheitsdiensten gab. Diese waren durchaus sachgerecht und ohne frühere Zuspitzungen, wie zum Beispiel „Sicherheit nur für Reiche“. Nachdem sich Bund und Länder über ein Jahr mit der Novellierung der gewerberechtlichen Vorschriften intensiv beschäftigt haben, hat die Bundesregierung im März einen Gesetzesentwurf vorgelegt. Wir gehen davon aus, dass dieser noch vor der Sommerpause im Bundestag verabschiedet wird. Die Veränderungen reichen allerdings nicht aus. Wir begrüßen eine regelmäßige Überprüfung der Zuverlässigkeit. Um die Qualität der Dienstleistung grundlegend zu verbessern, müssen die Ausschreibungsverfahren aber deutlich verbessert werden, und es müssen verbindliche Vorgaben an die Qualifikation der Sicherheitskräfte gemacht werden.

Es sind also auch die Auftraggeber in der Pflicht. Eine rein „preisorientierte“ Vergabe führt nicht zu einer qualifizierten Dienstleistung. Wie können Sie hier aktiv werden?

Um die Qualität der Dienstleistung grundlegend zu verbessern, müssen die Ausschreibungsverfahren, wie schon gesagt, deutlich verbessert werden. Eine Ausnahme bildet inzwischen erfreulicherweise die Bundeswehr. Diese fordert bei Neuausschreibungen erstmals die Berücksichtigung von Qualitätsmerkmalen. Grundlage ist das Handbuch „Qualitätsvolle Vergaben von privaten Sicherheitsdienstleistungen“, das wir auf der gemeinsamen Berliner Sicherheitskonferenz mit unserem europäischen Dachverband CoESS bereits im Jahre 1999 erstmals vorgestellt haben (Link zum Handbuch: http://bit.ly/28LzWqB). Sie sehen also, man braucht einen „langen Atem“, wenn man was verändern will. Auch in unserem Leitfaden Schutz von Flüchtlingsunterkünften werben wir für dieses Konzept. Das europäische und deutsche Vergaberecht hat diese qualitätsorientierte Konzepte explizit aufgenommen. Allerdings leider nur als „Kann“- und nicht als „Mussvorschrift“.

Erfreulicherweise, nämlich um 46,6 Prozent, stiegen allerdings auch die Umsätze der Sicherheitsdienste im Bereich der Überwachungs- und Alarmsysteme. Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?

Dieses Wachstum hängt vor allem mit den stark angestiegenen Wohnungseinbrüchen in den vergangenen Jahren zusammen. Aber die Bedeutung von integrierten Sicherheitslösungen (ISL) nimmt unabhängig davon in den letzten Jahren immer mehr zu. Die Sicherheitstechnik wird immer leistungsfähiger und preiswerter. Die Wertschöpfung durch die Sicherheitsdienstleister steigt dadurch. Wir arbeiten seit geraumer Zeit mit dem Verband für Sicherheitstechnik in Hamburg an einem Leitfaden ISL und werden darüber erstmals auf der Security 2016 in Essen berichten.

Sie unterstützen auch die von vielen anderen Sicherheitsverbänden und Behörden getragene „Initiative Wirtschaftsschutz“, um Unternehmen besser gegen Spionage und Sabotage zu schützen. Wie sieht hier Ihr „Aktionsplan“ aus?

Der BDSW ist sozusagen das Bindeglied zwischen – vor allem kleinen und mittelständischen – Unternehmen (KMU) und den Sicherheitsbehörden. Unsere Mitglieder schützen auf vielfältige Art und Weise bereits heute die KMU und pflegen dabei eine Vertrauenskultur. Dies ist eine wichtige Voraussetzung, um als Bindeglied zu den Behörden wahr- und ernstgenommen zu werden. In einem so sensiblen Bereich kann durch Vertrauen und Kompetenz die Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden verbessert werden. Ziel ist es, unsere Mitglieder in allen Fragen des Wirtschaftsschutzes zu sensibilisieren, damit sie die Werte ihrer Kunden noch besser als bisher schützen können und, wenn nötig, dem Kunden auch den Schritt zu vereinfachen, auf Kompetenz der Behörden zuzugreifen: „Awarenessbildung“ ist angesagt.

Kommen wir zu einem anderen Themenkomplex: Im Zusammenhang mit dem Thema „Wertesicherung“ ist auch die Frage nach der Abschaffung des Bargeldes immer wieder in den Medien vertreten. Müssen wir uns auf eine bargeldfreie Zukunft einstellen?

In Deutschland ist Bargeld im Vergleich zu anderen europäischen Ländern nach wie vor das wichtigste und beliebteste Zahlungsmittel. 80 Prozent aller Käufe werden bar getätigt. Die Diskussionen um die Abschaffung von Bargeld bringt plötzlich Licht in die logistischen und sicherheitspolitischen Leistungen rund ums Bargeld. Allerdings wird die Kosteneffizienz des Barzahlungsverkehrs immer wieder von den Kunden in Handel und Kreditwirtschaft hinterfragt. Die Konkurrenz mit anderen Zahlungsmitteln nimmt zu. So lange wir ein so sicheres – wie fast nirgendwo anders in der Welt – und effizientes Bargeldhandling wie derzeit in Deutschland gewährleisten können, sehe ich nach wie vor gute Zukunftschancen für unsere Wertdienstleister. ASL

Neue berufliche Herausforderung gesucht? Auf unserer Stellenmarkt-Seite werden aktuelle Job-Angebote und Stellen mit Bezug zum Thema Sicherheit angezeigt. Bereitgestellt werden die Stellenangebote über unseren Partner StepStone Deutschland. Schauen Sie einfach mal vorbei unter: www.sicherheit.info/stellenmarkt.
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Qualität setzt sich durch

Vor Kurzem legte der BDSW die Umsatzzahlen der privaten Sicherheitsdienste für das erste Halbjahr 2017 vor – der starke Rückgang zeigt, dass der Konjunkturaufschwung in Folge der Bewachung von Flüchtlingsunterkünften jetzt wohl endgültig beendet ist. Ob man darüber unglücklich ist, wollte PROTECTOR & WIK von BDSW-Hauptgeschäftsführer Dr. Harald Olschok wissen.

Das neue Gesetz soll die Anforderungen an private Sicherheitsdienstleister erhöhen.
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BDSW fordert Gesetz für Sicherheitsdienstleister

Der Präsident des BDSW, Gregor Lehnert, fordert im PROTECTOR-Interview die Verabschiedung eines Gesetzes für die private Sicherheitswirtschaft.

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Überprüfung der Beschäftigten gefordert

Angesichts des Handgranatenwurfs in einer Flüchtlingsunterkunft fordert der Präsident des Bundesverbands der Sicherheitswirtschaft (BDSW) Gregor Lehnert eine schnelle Umsetzung der Vorschläge des AK Gewerberecht.