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Wirtschaftskriminalität

Wirtschaftskrise und Spionagekonjunktur

Unter dem Motto „Krise in der Wirtschaft – Konjunktur für Spione“ fand am 25. November 2009 in Augsburg ein Unternehmerabend zu den Themen Wirtschaftskriminalität und Industriespionage statt.

Die Veranstaltung, zu der mehr als die 45 ursprünglich eingeplanten Teilnehmer sowohl aus mittelständischen Unternehmen als auch aus Konzernen des Automobil- und Flugzeugbaus nach Augsburg kamen, wurde von fünf Veranstaltern getragen. Neben der IHK Schwaben, dem Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz, dem Landeskriminalamt und der Prevent AG war auch der Bayerische Verband für Sicherheit in der Wirtschaft (BVSW) mit von der Partie. Der Geschäftsführer des BVSW, Heinrich Weiss, übernahm zusammen mit Alexander Grundling (IHK Schwaben) die Moderation der Veranstaltung.

Die Teilnehmer des Unternehmerabends konnten im ersten Vortrag von Sabine Nagel, beim Bayerischen Landeskriminalamt für Wirtschaftsdelikte, Korruption und Computerdelikte zuständig, mehr über aktuelle Gefahren für die Betriebe erfahren.

Jedes zweite Unternehmen in Bayern ist von Wirtschaftskriminalität betroffen, lautet die nüchterne Statistik, die das Landeskriminalamt in diesem Jahr vorlegte. „Dennoch ist nur ein Fünftel der Unternehmen bereit, Geld für Präventionsmaßnahmen auszugeben“, bemerkte Sabine Nagel.

Allein in Bayern seien im vergangenen Jahr 900 Fälle von Korruption bestätigt worden. „Korruption schadet dem Vertrauen, das der Bürger und der Kunde in ein Unternehmen setzt“, sagte Nagel. Am Beispiel von Siemens, wo vor einigen Jahren schwarze Kassen für Bestechungsgelder eingerichtet wurden, zeigte sie, dass neben einer Strafe auch Imageschäden auf Unternehmen zukommen, die sich fernab der gesetzlich akzeptierten Spielregeln bewegen. „Bei Korruption gibt es keine Opfer – außer vielleicht die Gesellschaft: Sowohl der Geldgeber als auch der Geldnehmer sind immer Täter“, erklärte Nagel, warum Korruption auch als opferloses Delikt bezeichnet wird.

Korruption: von Aufträgen bis Bewirtungen

Als Zielbereiche der Korruption gelten vor allem die öffentliche Verwaltung (46 Prozent der Fälle), gefolgt von der Wirtschaft (37 Prozent) sowie Justiz und Politik. Der Vorteil, den eine Bestechung bietet, ist in den meisten Fällen die Erlangung von Aufträgen (45 Prozent der Fälle), aber auch Bargeldzahlungen, Bewirtungen und Sachzuwendungen finden sich in der Rangliste wieder.

Fehlende Transparenz und Kontrollen, unzufriedene Mitarbeiter sowie mangelnde organisatorische Vorkehrungen definierte Nagel als häufigste Schwachstellen. Den Unternehmen gab sie den Rat, eindeutige interne Vorschriften zu erlassen. „Dazu gehört, dass es klare Regelungen für die Annahme von Geschenken gibt, eine Unterrichtungspflicht der Mitarbeiter bei einem Korruptionsverdacht und die firmenweite Errichtung eines Indikatorenrasters. Auch Compliance-Vorschiften, ein Korruptionsbeauftragter, das Vier-Augen-Prinzip, Aufgabenrotation und die Trennung von Ausschreibung und Zuschlagserteilung sind hilfreich“, betonte Nagel.

Klare IT-Richtlinien vorgeben

Besonderes Augenmerk müsse heute auch auf die so genannte IuK-Kriminalität (Informations- und Kommunikationstechnik) gerichtet werden. So seien die Computerdelikte seit 2007 eklatant angestiegen: 6.400 Delikte wurden 2008 in Bayern verzeichnet, die Dunkelziffer dürfte allerdings noch höher liegen. „Im Gegenzug verfügen jedoch weniger als ein Drittel der Unternehmen über eine Sicherheitsrichtlinie für den E-Mail-Verkehr“, sagte Nagel. Ebenso selten seien Mindeststandards zum sicheren Verhalten im Internet oder beim Einsatz von USB-Sticks.

Als Abwehrstrategien gibt das Bayerische Landeskriminalamt den Unternehmen folgende Tipps mit auf den Weg: Es sollten klare IT-Richtlinien und Zugriffsberechtigungen für Daten erlassen werden, Dokumentationen und Notfallpläne erstellt werden, ein Verantwortlicher für IT-Sicherheit berufen werden und eine Sensibilisierung der Mitarbeiter stattfinden. „Denn der Verlust von Daten ist mehr als nur ein Verlust an Wissen: Hier gehen den Unternehmen auch Kunden und Gewinn verloren“, warnte Sabine Nagel.

Neugierige Nachrichtendienste

Dem Thema Wirtschaftsspionage widmete sich Rudolf Proschko vom Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz. Im Unterschied zur Industriespionage (Konkurrenzausspähung durch Mitbewerber) handelt es sich bei der Wirtschaftsspionage um Angriffe von ausländischen Nachrichtendiensten. „In allen Ländern außer Deutschland und Österreich dient die aktive und gesetzlich verankerte Wirtschaftspionage durch Nachrichtendienste dazu, die heimische Industrie zu unterstützen“, warnte Proschko. Spionageverdacht gibt es nach Informationen des Landesamtes für Verfassungsschutz in fast der Hälfte aller bayerischen Unternehmen. „Ein Drittel davon besitzt offensichtlich einen nachrichtendienstlichen Hintergrund“, unterstrich er die Aussage, dass Spionage heute die drittgrößte Gefahrenquelle für Unternehmen sei.

Dabei stehen häufig nicht mehr große Konzerne im Mittelpunkt des Interesses, sondern die kleinen und mittelständischen Betriebe, die ohne ganzheitliche Schutzkonzepte die leichteren Opfer sind. So können Scheininvestoren oder chinesische Praktikanten leicht Informationen über Produkte, Angebote und Marktsituationen einholen.

55.000 verschollene Handys

Auch auf Datenträger sollte besonderes Augenmerk gelegt werden. „Allein im ersten Halbjahr 2006 wurden in Londoner Taxis 55.000 Handys, 3.000 Notebooks und 900 USB-Sticks liegengelassen“, merkte Proschko an. Auch das Management von ausrangierten Datenträgern müsse gut organisiert werden.

Udo Nagel von der Prevent AG zeigte die Problematik von Compliance und Kontrollen in mittelständischen Unternehmen auf. Neben der Hilfestellung, die Unternehmen in Hinsicht auf Compliance und Risikoanalysen annehmen können, sprach er sich auch für die Einrichtung von externen Vertrauensstellen für anonyme Hinweisgeber (Whistleblowing) aus. Auch der Background Check für Personal in Schlüsselpositionen sei für die Unternehmenssicherheit wichtig, erklärte Nagel.

Grenze zwischen Provision und Bestechung

In der anschließenden Diskussion kam die Frage auf, wo denn die Grenze zwischen Provision und Bestechung gezogen werden könne. Neben allgemeinen Grundsätzen, dass sich bei der Korruption jemand persönlich und ohne Gegenleistung bereichert, konnte Sabine Nagel vom Landeskrimanlamt Bayern den Teilnehmern noch einen Tipp mit auf den Weg geben: „Ich rate Ihnen, dass so genannte Bell, Book & Light-Prinzip zu beachten: Schrillt eine Alarmglocke, wenn Sie den Auftag betrachten? Was sagen die Gesetzbücher? Und was würde die Öffentlichkeit zu Ihrem Vorgehen sagen?“

Britta Kalscheuer

Foto: LfV Bayern

LfV Bayern

Broschüre zur Gefahr sozialer Netzwerke

Im Rahmen der Präventionsaktivitäten des Bayerischen Landesamts für Verfassungsschutz ist in Zusammenarbeit mit der Hochschule Augsburg die Broschüre "Soziale Netzwerke und ihre Auswirkungen auf die Unternehmenssicherheit" entstanden.

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48. BDSW Jahres-Mitgliederversammlung

Von Cyber-Cops und Sabotage

Der BDSW Bundesverband der Sicherheitswirtschaft hatte seine Mitglieder am 21. Mai 2015 in das Hilton Hotel nach München eingeladen. Im Rahmen des öffentlichen Teils standen neben interessanten Gastbeiträgen auch die Unterzeichnung einer Kooperationsvereinbarung mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz auf der Agenda.

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RMA-Jahreskonferenz 2011

Von Risiko-Appetit und Unsicherheiten

Am 19. und 20. Oktober 2011 hatte die Risk Management Association e.V. zur Jahreskonferenz „Enterprise Risk Management: Sicher navigieren in turbulenten Zeiten“ nach Ismaning eingeladen. Auf der Agenda standen unter anderem Wirtschaftsspionage, die Rolle der internen Revision, Risikowahrnehmung sowie Krisen- und Compliancemanagement.