NFC in Sicherheitsanwendungen

Zutrittskontrolle als App?

Teil 2

Friedhelm Ulm von Cestronics sieht die großen Gerätehersteller als Treiber: „Der Druck wird über die Trendsetter am Markt kommen. Sobald Anbieter wie Apple und Samsung attraktive NFC-Handys liefern, wird sich die Verbreitung schlagartig erhöhen. Denn diese Hersteller sind in der Lage, die Technik auch entsprechend zu vermarkten.“ Handys allein reichen jedoch nicht, wie Ludger Voß zu bedenken gibt: „Es kann in der Tat schon bald sehr schnell vorangehen mit der Verfügbarkeit solcher Smartphones, aber wichtig ist, dass es einfache, klar definierte Wege und Standards für Service-Provider – also in unserem Fall die ZK-Industrie – gibt, auf die verschiedenen Secure Elements in den Telefonen zuzugreifen. Beim Aufbau der zugehörigen Infrastrukturen gibt es noch viel zu tun. Momentan gibt es noch wenig Services, weil es wenig Infrastruktur gibt, weil es wenige Geräte gibt – und umgekehrt.“

Statements

„NFC ist gerade für den Bereich Zutrittskontrolle interessant, denn es ermöglicht ganz neue Anwendungen, für die es heute noch keine konventionelle Lösung gibt. Vorteilhaft ist dabei, dass man weder zu einem Leser gehen muss, um die Berechtigungen auf einer Karte zu aktualisieren, noch die Tür aufwändig über eine Verkabelung mit der Software verbinden muss.“
Michael P. Unger, Leiter Internationales Produktmanagement, Evva Sicherheitstechnologie GmbH


„Vor zwei Jahren haben wir das Thema Application Service Providing diskutiert. Am Ende stand die Erkenntnis, dass die Kunden ein solches Auslagern gar nicht wollen, obwohl es Vorteile bringen kann. Die Parametrierung und Administration von Sicherheitssystemen wollte man aus Sicherheitsgründen nicht an Dritte herausgeben. Wenn man ASP ein wenig in Analogie zu NFC sieht, muss man sagen, dass man hier unter Umständen auch relativ viel aus der Hand gibt. Da kann ich mir also vorstellen, dass viele Verantwortliche das ebenfalls nicht möchten.“
Boris Stamm, Moderator des Forums


„Natürlich ist NFC ein spannendes Thema, aber die Frage wird sein: Wie hoch ist die Akzeptanz im Objektbereich? Auf der anderen Seite, wenn diese Technik erfolgreich eingesetzt wird, dürfte auch der Druck auf die klassische Zutrittskontrolle mit verdrahteten Lesern und abgesetzten Zutrittskontrollzentralen wachsen. Denn viele Applikationen und Sicherheitsroutinen kann man künftig über das ohnehin ständig vernetzte Handy ablaufen lassen. Dennoch bleibt die Frage, ob und wie schnell sich NFC flächendeckend etablieren kann.“
Mark Meyer, Verkaufsleiter Elektronik, Dom Sicherheitstechnik GmbH & Co. KG

Vorreiter Payment

Abgesehen von einigen Pilotprojekten, wie das „Touch&Travel“-System der Deutschen Bahn, hat NFC bisher keine größere Anwendung gefunden. Und wie dieses Beispiel zeigt, sind es generell weniger die Zutrittslösungen sondern die Bezahlsysteme, welche eine Vorreiterrolle einzunehmen scheinen. Das kann Fabian Kuhn bestätigen: „Gerade im Bezahlsektor haben wir schon einige Projekte umgesetzt, bei denen NFC eine Rolle spielt. Das betrifft sowohl Transaktionen von einem Telefon zum anderen über Peer-to-peer, als auch Konzepte über den Provider. Es gibt auch die Möglichkeit, quasi kontaktbehaftet vorzugehen und direkt an der Kasse die Supermarktrechnung zu bezahlen.“

Axel Schmidt von Salto Systems sieht ebenfalls gute Perspektiven für das Zahlungssegment: „Der Sparkassenverband hat unlängst angekündigt, dass er Ende Juli die ersten 400.000 Sparkassenkarten mit NFC ausstatten möchte. Das wird die Anwendungsbreite weiter erhöhen.“ Zwar ist NFC in einer Girocard etwas anderes als in einem Handy, jedoch könnte auf diesem Umweg der Handel bewegt werden, diese Technik zu akzeptieren. Dann wäre bald auch der Einsatz von NFC-Handys hier leichter umzusetzen.

Axel Schmidt kann sich noch eine weitere Anwendung vorstellen: „Der Einsatz von NFC ist auch eine Frage des Komforts. Denn man muss sich nirgends einloggen oder eine Karte mit einer Software programmieren – man bekommt die Zutrittsrechte 'over the air' auf sein Mobiltelefon. Eine Applikationen, bei der sich das schon relativ kurzfristig durchsetzen könnte, ist der Zutritt in Hotels. Man kann sein Zimmer regulär über ein Hotelportal buchen und bekommt die Rechte für den Raum einfach auf sein Handy. Auch das ganze Abrechnungsmanagement könnte über NFC und einen Provider laufen.“

Dezentrale Lösungen

Manche der genannten Anwendungen sind noch relativ weit weg von der klassischen Zutrittskontrolle und dienen eher als Perspektive, was machbar ist und wie es um die Akzeptanz der Nutzer bestellt ist. Doch auch als Alternative oder Ergänzung zu herkömmlichen Systemen der Zutrittskontrolle ist NFC in einigen Bereichen schon bald denkbar, wie Olaf Ruff von Normbau skizziert: „Eine der Chancen von NFC ist es, die dezentrale Organisation wesentlich komfortabler zu gestalten. Wenn man zum Beispiel an Pflegedienste für hilfebedürftige Menschen oder an Servicetechniker denkt. Da geht es um Mitarbeiter, die auf Zuruf einen Auftrag bekommen und nicht mit einem riesigen Schlüsselbund unterwegs sein können. Hier kann man Berechtigungen über NFC vergeben – auch für einen relativ kurzen Zeitraum oder nur für den einmaligen Zutritt. Hier stehen ziemlich viele Spielwiesen offen.“

Eine ähnliche Anwendung hat Ludger Voß bereits getestet: „Wir haben gerade eine Lösung für Pflege- und Wartungsdienste im Feldtest. Hier kann man sich Schlüssel zuschicken lassen, indem man über GSM oder WLAN von einen zentralen Server aktuelle Mifare-Kartendatensätze auf sein Handy lädt. Das funktioniert sehr gut, damit werden wir demnächst auf den Markt gehen.“ Adaptieren lässt sich NFC aber auch für weitere Bereiche, in denen momentan noch andere Medien genutzt werden. Fabian Kuhn erklärt: „Es gibt mittlerweile in vielen Städten Car-Sharing-Netze, bei denen in den Autos vorne in der Windschutzscheibe ein kleiner Leser eingebaut ist. Man hat auf dem Führerschein einen Sender, den man davor hält und schon wird das Auto aufgeschlossen. Das wäre natürlich genauso gut mit einem NFC-Handy möglich.“ Hartmut Beckmann von Uhlmann & Zacher sieht weiteres Potenzial: „In dem Zusammenhang sind auch viele Ticketing-Anwendungen interessant, bei denen heute teilweise noch mit Strichcodes und dergleichen gearbeitet wird.“

Knackpunkt Geschäftsmodell

Theoretisch scheint NFC also eine spannende Technik mit vielen Facetten zu sein, doch man darf dabei nie außer Acht lassen, ob sich ein Einsatz auch rechnet und wenn ja, für wen. In diesem Punkt ist auch Walter Elsner von PCS noch skeptisch: „Es klingt ja in der Diskussion eindeutig durch: Die Möglichkeiten mit NFC scheinen grenzenlos zu sein. Aber die Schwierigkeiten, vor denen man steht, sind auch immens. Denn wer bringt diese Technik nach vorne, wenn im Grunde genommen keiner daran verdient? Wenn wir uns den Payment-Sektor ansehen, da verdient der Provider an den permanenten Transaktionen. Der Provider hat also großes Interesse, dass das System genutzt wird – aber bei der Zutrittskontrolle, wer verdient hier etwas? Das ist ein Problem, denn kaum einer wird für jede Zutrittsbuchung bezahlen wollen.“

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Foto: Zumpe

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