Fachartikel aus PROTECTOR 5/08, S. 20 bis 21

Videoüberwachung in öffentlichen Bereichen Überwachungskameras nutzlos?

Ist die Videogläubigkeit der Sicherheitsverantwortlichen ein Holzweg? Studien lassen zumindest den Schluss zu, dass die videotechnische Aufrüstung des öffentlichen Raums weitgehend umsonst war und ist. Kriminelle lassen sich gerne filmen und Sprayer beziehen die Kameras in ihr Treiben ein.

Bild: DResearch
Aktuelle Studien ziehen den Nutzen der Videoüberwachung im öffentlichen Bereich, unter anderem auch in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Zweifel. (Bild: DResearch)

Sie wollten doch alles richtig machen: Die Sicherheitsverantwortlichen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ließen verschiedene U-Bahnen mit Videokameras ausrüsten und waren sicher, damit dem Fahrgast ein gutes und dem Kriminellen ein mieses Gefühl zu geben. Video als Königsweg sollte das Vertrauen in den öffentlichen Nahverkehr stärken.

Studie gestoppt

Im Frühjahr 2006 wurde in den Berliner U-Bahnlinien U2, U6 und U8 ein Pilotprojekt umgesetzt. Ziel war es festzustellen, in wie weit sich mit einer 24-stündigen Videoüberwachung die Kriminalität senken ließe. Und damit alles auch noch wissenschaftlich untermauert ist, wurde das renommierte Forschungsunternehmen „Büros für angewandte Statistik D:4“ aus Berlin mit einer begleitenden Studie beauftragt. Bisweilen ergeben Erhebungen allerdings nicht das gewünschte Ergebnis und verschwinden dann häufig in den Schubladen der Auftraggeber. So scheint es auch mit der Pilotprojekt-Studie gegangen zu sein – wenigstens ansatzweise. Nach dem Zwischenbericht wurde den Verantwortlichen der Studie überraschend gekündigt, methodische Fehler seien der Grund. Die Studie bekam niemand zu sehen und wenn nicht die Bürgerrechtsgruppe Humanistische Union (HU) die Offenlegung der Studie erzwungen hätte, wären die Ergebnisse nicht bekannt geworden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Unterschiedliche Erfahrungen

Der Untersuchung zufolge führte die Videoüberwachung und -aufzeichnung auf den drei U-Bahn-Linien nicht zu einer sinkenden Kriminalitätsrate: „Eine Veränderung der Kriminalitätsrate zeichnet sich auf Grund der Einführung der Videoaufzeichnung bisher nicht ab.“ Mit dem Einsatz der Kameras sei „keine erhebliche Veränderung der Sicherheitslage in der Berliner U-Bahn zu erwarten“. Wieso dann die BVG hurtig die Ausweitung der Videoüberwachung auf alle 170 U-Bahnhöfe beschloss und auch Busse und Straßenbahnen mit Videokameras aufrüsten will, bleibt nebulös. Denn auch das gern zitierte subjektive Sicherheitsempfinden der Kunden ist obsolet: Langzeitstudien zeigen, dass Videoüberwachung nur zu einer kurzfristigen Verbesserung des subjektiven Sicherheitsempfindens führt. Dr. Magnus Ekerot, Geschäftsführer von Axis Communications Deutschland, zu den Ergebnissen: „Das Ergebnis der Evalutionsstudie über das Pilotprojekt bei den Berliner Verkehrsbetrieben ist für uns sehr überraschend“. Er führt das netzwerkbasierte System der Verkehrsbetriebe Stockholm an (siehe PROTECTOR Mai 2007), bei dem sehr wohl ein Rückgang der Kriminalität zu verzeichnen sei und schlägt vor, „mehr als nur ein Projekt zur Beurteilung heranzuziehen, um die Wirksamkeit von Videoüberwachung insgesamt einzuschätzen.“

Und Großbritannien?

Mag man den Berlinern noch zugestehen, dass wesentliche Ergebnisse der mangelhaften Kommunikation und den ungeeigneten Kameras geschuldet seien – weder Angestellte noch Fahrgäste noch die Polizei wussten um die installierten Kameras und die Möglichkeit, Bilder von Tathergängen abzurufen – so sind die Ergebnisse einer englischen Studie, die unter der Leitung von Martin Gill, Professor für Kriminologie an der University of Leicester, im Auftrag des britischen Innenministeriums durchgeführt wurde, sehr klar und für die Hersteller und Errichter von Videolösungen im öffentlichen Raum ziemlich ungemütlich. Im Lande der vier Millionen Kameras hat sich der Studie zufolge, die immerhin 13 Videoüberwachungssysteme in verschiedenen Einsatzbereichen umfasste – unter anderem Ortszentren, Stadtzentren, Parkplätze, Krankenhausund Wohngebiete –, nur in einem Fall ein signifikanter Kriminalitätsrückgang durch Videoüberwachung ergeben. Dabei handelte es sich um einen Großparkplatz an einer UBahn-Station. Bei allen Erhebungen wurden Referenzflächen ebenso berücksichtigt wie Messungen vor der Installation der Kameras.

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Und New York?

Vergleicht man nun die Kriminalitätsverläufe von New York und London ist zu erkennen, dass sie unterschiedlich verlaufen. Londons Kriminalitätskurve stieg trotz einer fast lückenlosen Videobeobachtung ständig, während New York ohne zahlreiche Kameras einen deutlichen Kriminalitätsrückgang verzeichnet. Die Amerikaner haben schlicht mehr Polizisten „auf der Fläche“. Daraus zu schließen, dass Menschen der bessere Sicherheitsgarant sind als Kameras allein ist vielleicht so ganz falsch nicht. Dennoch wird die Kombination aus Mensch und Technik wohl das Optimum darstellen – da Wachmänner und Polizisten nicht zu jeder Zeit an jedem Ort sein können und die beste Technik nichts nutzt, wenn die organisatorischen Abläufe der Alarmbearbeitung nicht umgesetzt werden.

Michael Hassenkamp