Fachartikel aus PROTECTOR 10/2016, S. 40 bis 41

Amoklauf und Terroranschläge Herausforderungen für den Einzelhandel

Zwei große europäische Flughäfen haben Terroristen in diesem Jahr bereits angegriffen. Gefährdet sind zunehmend auch Einkaufszentren. Betreiber sind gut beraten, zu handeln.

Bild: Fotolia/estherpoon
Viel frequentierte Orte wie Einkaufszentren, geraten zunehmend in den Fokus von Terroristen. (Bild: Fotolia/estherpoon)

Mit den Anschlägen vom 22. März in Brüssel und vom 28. Juni 2016 in Istanbul wurden dieses Jahr bereits zwei große europäische Flughäfen von Terroristen ins Visier genommen. Aus deren Sicht sind Anschläge im öffentlichen und damit ungesicherten Bereich von Flughäfen lohnend. Der ungehinderte Zugang zu den Terminalbereichen ist mit Waffen und Sprengmitteln relativ einfach und auch unentdeckt möglich. Zugleich halten sich im Ankunftsbereich, den Geschäftszeilen der Terminals und vor den Sicherheitskontrollen immer zahlreiche Menschenansammlungen auf. Möglichst viele dieser Menschen zu töten ist das erklärte Primärziel der Angreifer. Die Angriffsmethodik ist dabei dieselbe, welche bei Anschlägen wie zum Beispiel Afghanistan und dem Mittleren Osten zur Anwendung kommt.

Kleine Kommandos von selten mehr als drei bis fünf Terroristen führen einen zumeist wohldurchdachten Angriff mit Sturmgewehren, Sprengmitteln und gegebenenfalls Handgranaten durch. In einer ersten Phase wird dabei mit Schnellfeuergewehren solange auf Menschen geschossen bis auch die Wechselmagazine verschossen sind. Sind Handgranaten vorhanden, werden diese zusätzlich in Menschenansammlungen geworfen. Spätestens nachdem die Munition für die Handwaffen verbraucht worden ist, bringen die Terroristen ihre Sprengstoffwesten zur Explosion. Oftmals koordinieren die Täter ihren Angriff zeitlich oder räumlich. So kann wie zuletzt am Flughafen Atatürk in Istanbul geschehen zum Beispiel ein Täter das Feuer eröffnen, eine Fluchtbewegung auslösen und somit flüchtende Menschen weiteren Angreifern in die Arme treiben.

Auch Einkaufszentren im Visier von Attentätern

Die Anschläge auf die Westgate Shopping Mall im kenianischen Nairobi im September 2013 und auf die Sarinah Mall in Jakarta, Indonesien, Mitte Januar 2016 zeigen, dass Einkaufszentren ebenfalls interessante Ziele für Terroristen sind. Im Regelfall sind Einkaufzentren schlechter geschützt als Flughäfen und verfügen nur selten über eine Präsenz von bewaffneten Sicherheitskräften. Neben zahlreichen Fachgeschäften und Cafés, beherbergen große Einkaufzentren oft auch Kinos, Restaurants, Postfilialen und Banken.

Zu fast allen Zeiten sind die Einkaufszentren daher stark frequentiert und mithin ein lohnendes Ziel für Angreifer. Wegen der geringen Präsenz von Sicherheitskräften bleibt das Risiko von Attentätern gestoppt zu werden in den ersten Phasen des Angriffs geringer, und es bietet sich ihnen folglich mehr Zeit ihre Opfer zu töten. Auch das vorherige unauffällige Ausspähen des Tatorts durch die Angreifer ist bei Einkaufszentren wesentlich leichter durchzuführen, da die Täter in der Masse der täglichen Besucher kaum auffallen.

Gemeinsamkeiten von Terroranschlägen und Amokläufen

Am 22. Juli 2016 griff ein Amokläufer im Olympia Einkaufszentrum (OEZ) in München mit einer Schusswaffe Passanten an. Als Ausgangspunkt seiner Tat wählte der Angreifer ein belebtes Schnellrestaurant zur Stoßzeit am frühen Abend. Zielsetzung und operative Vorgehensweise von Terroristen und Amokläufern unterscheiden sich nur wenig voneinander. Beide wollen in der Regel möglichst viele Opfer töten oder verletzen und wirken daher mit ihren Waffen und Sprengmitteln vornehmlich in Menschenansammlungen hinein. Amokläufer handeln allerdings zumeist allein und sind oftmals weniger gut bewaffnet. In den USA kam es schon häufiger zu spektakulären Amokläufen in Shopping Malls.

Regelmäßig kommt es bei Amokläufen und Terroranschlägen zu Panikreaktionen, wie auch bei dem Amoklauf in einer Shopping Mall in Columbia im amerikanischen Bundestaat Maryland im Januar 2014. Mit dem Brechen der ersten Schüsse rannten hunderte der Besucher zeitgleich zu den Ausgängen oder in Deckung und viele verletzten sich. So verwundert es nicht, dass die meisten der Verletzten des Amoklaufs am OEZ in München sich ihre Verletzungen auf der Flucht beziehungsweise bei Panikreaktionen zuzogen und nicht durch die direkte Waffeneinwirkung des Täters.

Die Sicherheitslage in Deutschland

Es ist davon auszugehen, dass Publikumsmagnete im öffentlichen Raum wie zum Beispiel Flughäfen, Bahnhöfe aber auch Einkaufszentren sowie Massentransportmittel wie Züge, weiterhin und verstärkt im Fadenkreuz von Terroristen und Amokläufern bleiben werden. Die Zielsetzung der Täter, möglichst viele Menschen in kurzer Zeit und bis zur entschlossenen Reaktion der Sicherheitskräfte zu töten, kann dabei besonders bei Einkaufszentren wegen der zumeist geringen Sicherheitspräsenz erzielt werden.

Bereits im Januar 2016 konstatierte der BKA-Präsident Holger Münch in einem Interview: „Die Sicherheitslage ist aufgrund der terroristischen Bedrohung sehr angespannt und wird es über Jahre bleiben. Wir sind im Fokus der Islamisten.“ Das Bundeskriminalamt rechnet mit einer lange andauernden terroristischen Bedrohung für Deutschland und warnte bereits im Herbst 2014 in einem vertraulichen „Gefährdungslagebild politisch motivierte Kriminalität“ vor dem an Bedeutung gewinnenden „individuellen Dschihad“ von einzelnen Angreifern, sogenannten „Lone Offendern“.

Empfehlungen für das Krisenmanagement

Der veränderten Sicherheitslage in Deutschland sollten neben den Sicherheitsbehörden allerdings auch Unternehmen Rechnung tragen. Betreiber von Einkaufszentren, aber auch große Handelsketten, sind sicherlich gut beraten ihre Sicherheitskonzepte im Sinne eines funktionierenden Krisen- beziehungsweise Business Continuity Managements zu überprüfen. Neben langen Ausfallzeiten nach einem Angriff – die Westagate Shopping Mall war nach dem Anschlag 2013 für etwa zwei Jahre geschlossen – können Rechtsfolgen und Reputationsschäden für betroffene Handelsketten und Betreibergesellschaften ruinös wirken, besonders bei lückenhaftem Versicherungsschutz.

Auf der operativen Ebene ist es sicherlich hilfreich darüber nachzudenken, Mitarbeitern vor Ort auch zum Umgang mit Kunden konkrete Handlungsanweisungen für den Fall eines Angriffs an die Hand zu geben. Mitarbeiter sollten auf jeden Fall vorhandene Evakuierungskonzepte kennen und darin geschult werden Evakuierungen selbstständig oder im Zusammenwirken mit den Behörden durchführen zu können. Das Sicherheits- und Krisenmanagement von Handel und Betreibergesellschaften sollte ganzheitlich angelegt sein und auf einer realistischen, aber fundierten Risikoanalyse beruhen.

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Auf der übergeordneten Ebene kann neben einem schlüssigen und vorbeugend wirkendem Sicherheitskonzept eine funktionierende Krisenstabsorganisation auf Unternehmensebene im Eintrittsfalle den Schaden begrenzen. Insbesondere Aspekte der unmittelbaren Krisenkommunikation und der handlungssichere Umgang mit den Kernakteuren in der Krise können im Vorfeld systematisch und solide vorbereitet werden. Zusätzlich und im Sinne der weiteren Schadensbegrenzung gibt es mittlerweile tragfähige Versicherungsprodukte für das Thema Terrorismus.

Marc Brandner, Sicherheitsberater und Partner der Smartrisksolutions GmbH

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