Die Volksbank der Ortschaft Vehlefanz in Brandenburg nach der Sprengung des Geldautomaten im Juni 2015: Da die Automaten häufig in Foyers oder Schalterhallen aufgestellt sind, ist aufgrund der Druckwelle mit schweren Schäden am Gebäude zu rechnen.
Foto: Dirk Ingo Franke

Sicherheitskonzepte

Herausforderung für Banken: Sprengung von Geldautomaten

Banken sind sich der Gefahren von Angriffen auf Geldautomaten meist bewusst. Dennoch kommt es immer häufiger zu erfolgreichen Sprengungen.

Geldautomaten von Bankinstituten sind immer wieder Ziel von Kriminellen, die häufig mit rabiaten Mitteln versuchen, an das Bargeld zu gelangen; bei der Sprengung von Automaten bringen Täter immer wieder sich selbst und andere in Lebensgefahr und verursachen auch hohe Sachschäden. Banken, Hersteller, Versicherungen sowie Behörden zielen dabei beständig auf eine Verbesserung der Sicherheit von Geldautomaten ab.

Über 100 Sprengungen 2018 allein in Nordrhein-Westfalen

Wenn nachts eine Explosion in einer Ortschaft mit Bankfiliale die Stille zerreißt, ist die Vermutung zumindest in Nordrhein-Westfalen nicht unbegründet, dass Kriminelle wieder einmal versucht haben, einen Bankautomaten aufzusprengen. NRW bildete laut Lagebildbericht des BKA im Jahr 2018 mit 108 Fällen des Diebstahls durch Sprengung von Geldautomaten die Spitze, gefolgt von Niedersachsen (54 Fälle) sowie Hessen (31) und Rheinland-Pfalz (26). Von den insgesamt 369 versuchten und vollendeten Fällen 2018 gelang es den Tätern in 137 Fällen (2017: 129; plus sechs Prozent), an Bargeld zu kommen. Daneben wurden 232 Fälle (2017: 139 Fälle; plus 77 Prozent) registriert, bei denen die Täter ohne Beute wieder abziehen mussten. Das ist teilweise auf nichterfolgte Sprengungen zurückzuführen, teilweise aber auch auf Sicherungsmaßnahmen, die selbst nach einer Sprengung eine Bargeldentnahme verhindert haben. Geldautomaten sind gerade auf dem Land für Kriminelle ein lukratives und vergleichsweise risikoarmes Ziel, zumindest im Hinblick auf die unmittelbare Strafverfolgung. Denn gerade in ländlichen Räumen haben die Täter je nach Standort des Geldautomaten meist genügend Zeit, nach der Sprengung unerkannt mit dem Geld zu flüchten, so sie denn welches erbeuten.

Bei den Tätern handelt es sich nach Einschätzung des BKA zumeist um Gruppen, selten Einzeltätern. Davon sind viele grenzüberschreitend aktiv, mit Banden aus den Niederlanden und Osteuropa. Die Täter sind spezialisiert und können gewaltsame Aufbrüche in wenigen Minuten (Sprengung) durchführen um dann schnell vom Tatschauplatz zu fliehen.

Angriff auf Geldautomaten mit allen Mitteln

Die Täter gehen bei der gewaltsamen Öffnung eines Geldautomaten zumeist äußert brachial vor und nehmen dabei bewusst Schäden an der Umgebung billigend in Kauf. Zu den Modi Operandi gehören der Einsatz von Winkelschleifern, hydraulische Spreizer, manuelle Hebelwerkzeuge wie Brecheisen, Spaltkeile oder thermischen Schneidgeräten (autogene Schneidbrenner). Dazu kommt noch die Sprengung des Geldautomaten oder gleich der Diebstahl des gesamten Geräts durch Herausreißen oder Demontage aus dem Aufstellort. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sieht in seinen Richtlinien zur Sicherung von Geldautomaten beim Einsatz von Sprengmitteln an Geldautomaten auch erhebliche Folgeschäden für die Umgebung. Ein praktischer Sprengversuch schleuderte demnach die rund 100 kg schwere Wertbehältnistür etwa 14 Meter weit weg. Da Geldautomaten häufig in Foyers oder Schalterhallen aufgestellt sind, ist aufgrund der Druckwelle mit schweren Schäden am Gebäude und Interieur durch umherfliegende Trümmer und Glasbruch zu rechnen.

Bei eingeleitetem Gas kann es zu verzögerten Explosionen kommen oder bereits bei der Befüllung zu einer ungewollten Entzündung von ausgetretenem Gas im Aufstellungsraum. Neben den teilweise umfangreichen Sachschäden sind auch Personenschäden nicht auszuschließen, seien es die Täter selbst oder Unbeteiligte, die sich in der Nähe aufhalten. Auch der Einsatz von Fahrzeugen zum Rammen von Eingängen oder für das Totalentwenden des Automaten kann schwere Schäden am Gebäude verursachen.

Banken reduzieren Schwachstellen

Bei der Aufstellung von Geldautomaten ist eine Risikoanalyse geeignet, um die Gefährdung des Automaten einschätzen zu können. Ein im Container oder Pavillon aufgestellter Automat, der über eine Wandverankerung verfügt, ist per se gefährdeter als einer, der in einer Bankfiliale im Innenbereich steht. Dem Aufstellungsort des Geldautomaten kommt damit eine zentrale Bedeutung zu. In Wände eingelassene Automaten machen es Tätern schwerer, diese komplett zu entwenden oder an bestimmte Stellen am Gehäuse für einen mechanischen Angriff zu gelangen.

Ebenso müssen bei der Aufstellung die unterschiedlichen Gefährdungen für den Automaten berücksichtigt werden, die sich aus den verschiedenen Angriffsmitteln ergeben. So stellt der GDV in seinen Richtlinien fest, dass Geldautomaten in Baumärkten beispielsweise besonders vom Aufstellungsort her ungünstig zu bewerten sind, da hier bereits für einen Angriff notwendiges Werkzeug vor Ort zur Verfügung steht. Ein Geldautomat ist umso gefährdeter, je leichter die Täter an ihn herankommen und Werkzeug mit- und abtransportieren können. Geschlossene Räumlichkeiten mit geringer Belüftung können beispielsweise insbesondere den Einsatz „heißer“ Werkzeuge bereits erschweren.

Auf den Einzelfall abstimmen

Nicht zuletzt die Zahl steigender Sprengversuche hat die deutsche Kreditwirtschaft veranlasst, ihre Konzepte zur Sicherung von Geldautomaten fortlaufend zu optimieren, um Risiken für Sach- und Personenwerte so gering wie möglich zu halten. Banken und Sparkassen führen dafür kontinuierlich Risiko- und Gefährdungsanalysen pro Standort durch. Im Ergebnis werden geeignete bauliche und sicherheitstechnische Präventionsmaßnahmen je Standort umgesetzt oder der aktuellen Bedrohungslage entsprechend angepasst, um ein Höchstmaß an Sicherheit für Menschen und Werte zu gewährleisten.

„Die Deutsche Kreditwirtschaft hat bereits eine Vielzahl verschiedener Maßnahmen zum Schutz ihrer Infrastruktur ergriffen: Im organisatorischen Bereich gehören zum Beispiel die Schließung von besonders gefährdeten Geldautomatenstandorten in den Nachtstunden dazu. Technisch erfolgt dies unter anderem durch den Einbau von Einbruchmeldeanlagen und Anti-Gas-Systemen, die Aufschaltung auf Service-Leitstellen oder den Einbau von Vernebelungssystemen. Baulich wird der Zugangsschutz zu Filialen erweitert, zum Beispiel mit Pollern oder durch eine Verstärkung von Türen, Fenstern und Wänden“, erläutert Cornelia Schulz, Pressesprecherin des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), diesjähriger Federführer der Deutschen Kreditwirtschaft. Darüber hinaus sind Maßnahmen für einen stärkeren Schutz der Automaten selbst ebenso wichtig. Dazu gehören eine höhere Widerstandsklasse der Tresore, ein erhöhter mechanischer Schutz gegen Aufhebeln und der Einsatz von IBNS (Intelligente Banknoten-Neutralisierungssysteme). Zu letzteren zählen vor allem Einfärbetechniken, mit denen Banknoten mit nicht entfernbarer Tinte markiert werden. Diese sind allerdings nur bedingt geeignet, den Tätern den Nutzen ihrer Beute zu erschweren. Schulz: „Farbpatronen allein sind tatsächlich kein Allheilmittel, wenn zum Beispiel das eingefärbte Geld über andere Notenbanken nach Europa zurückkommt und eingelöst wird. Wirkungsvoll ist vielmehr eine zum jeweiligen Geldautomatenstandort passende Kombination geeigneter Maßnahmen.“

Auch das LKA in NRW sieht nur einen begrenzten Nutzen solcher Systeme. „Primäres Ziel eines Sicherungskonzepts sollte die unmittelbare Verhinderung der Geldautomatensprengung durch die Täter sein. Dies kann durch Farbpatronen nicht gewährleistet werden. Durch eine nicht immer erfolgreiche Einfärbung wird die Beute für die Täter lediglich weniger attraktiv,“ erklärt Frank Scheulen, Erster Kriminalhauptkommissar und Pressesprecher des Landeskriminalamt NRW. Investitionen zur Sicherung von Geldautomaten gegen Sprengungen fließen in zertifizierte Wertbehältnisse, aber auch in Videoüberwachung und Einbruchsschutz allgemein.

Eine VdS-anerkannte Einbruchmeldeanlage ist Pflicht, die Sicherstellung einer Alarmintervention durch die Polizei oder eine anerkannte Notruf- und Serviceleitstelle ebenso. Flankiert werden solche Systeme durch eine leistungsstarke Videoüberwachung, die im Ernstfall auch qualitativ hochwertige Bilder liefern kann und mit deren Hilfe sich auch Manipulationsversuche am Geldautomaten feststellen lassen. Eine elektronische Überwachung ermöglicht meist eine zeitnahe Intervention und dient der Beweissicherung. Auch Systeme, die eine direkte Ansprache der Täter erlauben, können abschreckende Wirkung haben.

Kontinuierliche Optimierung der Maßnahmen

Die Investitionen in die Sicherung von Geldautomaten seitens der Kreditwirtschaft sind erheblich. Ziel einer jeden Bank oder Sparkasse bleibt es, die Tat möglichst frühzeitig zu erkennen und wirksam zu verhindern. Jedes Kreditinstitut trifft hier eigenständig bauliche und sicherheitstechnische Entscheidungen, um die standortspezifischen Risiken zu minimieren. Auch wenn die Zahl der Angriffsversuche weiterhin hoch ist, zeigen die präventiven Schutzmaßnahmen durchaus Wirkung, sodass Täter vielfach abgeschreckt werden oder ihr Angriffsversuch scheitert.

Banken, Sparkassen und die Verbände der deutschen Kreditwirtschaft stehen im engen Dialog mit den regionalen Polizeibehörden, den Landeskriminalämtern und dem Bundeskriminalamt sowie den Herstellern und der Versicherungswirtschaft, um Taten möglichst frühzeitig zu erkennen und durch geeignete Maßnahmen rechtzeitig zu intervenieren. Scheulen erklärt: „Die Gefahren, die durch die Sprengung der Geldautomaten real im Raum stehen, sind gesellschaftlich wesentlich kritischer zu bewerten als die durch die Manipulation am Automaten entstehenden finanziellen Risiken. Insofern sind die Erwartungen in die Umsetzung von Sicherungskonzepten an die Betreiber ungleich höher.“ 

Foto: Sparkasse

Neue Angriffsformen auf Geldausgabeautomaten

Riskante Methode

Während in den letzten Jahren die klassischen Banküberfälle in Deutschland kontinuierlich abgenommen haben, nehmen stattdessen die physischen Übergriffe auf Geldautomaten zu. Immer häufiger werden sie gesprengt, um an ihren Inhalt zu gelangen, oftmals mit unkalkulierbaren Schäden, nicht nur für die Automaten. Die Banken stellen sich daher dieser Entwicklung mit verschiedenen Strategien und Lösungsansätzen.

Foto: Günter Havlena/Pixelio.de

Bundeslagebild Angriffe auf Geldautomaten

Jackpotting und Blackboxing

Vor zwei Jahren veröffentlichte das Bundeskriminalamt erstmals das Bundeslagebild „Angriffe auf Geldautomaten“. Darin werden Lageinformationen zu technischen Manipulation von Geldautomaten sowie zu besonders schweren Fällen des Diebstahls aus Geldautomaten zusammenfassend dargestellt. Die aktuellen Zahlen zeigen einen deutlichen Anstieg von Geldautomatensprengungen.

Geldautomaten sind häufig Opfer von Sprengungen: EAM verringern den Druck der Explosionswelle und minimieren Schäden im Umfeld.
Foto: Secu/Henning Prill

Mechanische Sicherheit

Verbesserter Sprengschutz für Geldautomaten durch EAM

Energieabsorbierende Module (EAM) schützen die in Geldautomaten verbauten Tresore effizienter vor Sprengstoffangriffen und minimieren Schäden im Umfeld.

Foto: Sparkasse

Bankensicherheit

Tatort Foyer

Der klassische Bankraub war einmal - mit der wachsenden Zahl von Geldausgabeautomaten in Banken oder an anderen Orten haben sich die Straftaten in die Foyers der Banken verlagert. Die Manipulation der Geräte steht nun im Vordergrund der kriminellen Handlungen.

Special Zutrittskontrolle: Informieren Sie sich rund um den Themenbereich der Zutrittskontrolle

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