Produkt-Manager Johannes Lacher mit dem BMW X5 Protection VR6: Die Agilität und die Fahrdynamik des Sonderschutzfahrzeugs unterstützen den Fahrer bei riskanten Fahrmanövern.
Foto: BMW AG

Sonderschutzfahrzeuge

Warum Sonderschutzfahrzeuge nach Maß im Trend liegen

Welche technischen Besonderheiten und Funktionen gepanzerte Sonderschutzfahrzeuge heute ausmachen, verrät Johannes Lacher, Produktmanager bei BMW.

Der Bedarf an gepanzerten und zivilen Sonderschutzfahrzeugen wächst. Wie sich der Markt verändert und welche technischen Besonderheiten verfügbar sind, erfuhr PROTECTOR im Interview mit Johannes Lacher, der Produktmanager bei BMW ist.

Vor Kurzem stellten Sie den neuen BMW X5 Protection VR6 vor. Sieht man es dem Wagen an, dass es sich um einen gepanzerten SAV (Sport Activity Vehicle) handelt?

Johannes Lacher: Unser Ziel ist es, dass man das gepanzerte Fahrzeug von außen nicht erkennt. Diskretion und Privatsphäre ist das höchste Gut unserer Kunden. Der BMW X5 Protection VR6 folgt hier auch dem Trend zum SAV bei gepanzerten Fahrzeugen. Die höhere Sitzposition verbessert die Sicht bei Einsätzen, und die Agilität und Fahrdynamik unterstützen den Fahrer bei riskanten Fahrmanövern oder Evakuierungsfahrten. Die luxuriöse Ausstattung des BMW X5 bleibt davon unberührt, sodass der Kunde hier ein gepanzertes Fahrzeug mit den Annehmlichkeiten des Serienfahrzeuges hat.

Was gehört heute alles zur Standard-Sicherheitsausrüstung eines solchen Fahrzeugs?
Die gepanzerte Fahrgastzelle aus Stahl und Glas ist das Herzstück des BMW X5 Protection VR6. Die „Post-Blast-Protection“ verhindert im Falle einer seitlichen Ansprengung eine Öffnung zwischen Glas und Karosserie, welche für einen Sekundärangriff genutzt werden könnte. Der Unterbodensplitterschutz schützt vor zwei Handgranaten des Typs DM51. Darüber hinaus hält die gepanzerte Fahrgastzelle seitlichen Ansprengungen mit bis zu 15 Kilogramm TNT aus einer Entfernung von vier Metern stand.

Serienmäßig ist eine Wechselsprechanlage verbaut. Diese ermöglicht die Kommunikation der Insassen mit der Außenwelt, ohne dass Türen oder Fenster geöffnet werden müssen. Durch den Überfallalarm werden bei Gefahr alle Fenster und Türen verschlossen und akustische sowie visuelle Signale abgegeben. Damit wird die Sicherheit der Insassen zusätzlich erhöht.

Verändern sich die Anforderungen Ihrer Kunden? Wenn ja, wie?
Im SAV-Segment ist die weltweit am weitesten nachgefragte Schutzklasse die VR6, ohne dass die Vorzüge des Serienfahrzeuges eingeschränkt werden. Auch die Konnektivität der Fahrzeuge gerät immer mehr in den Fokus. Die Vernetzungen aus der Serie können auch für den Einsatz genutzt werden, allerdings können wir auch die Forderung erfüllen, diese entsprechend den Kundenwünschen anzupassen.

Gibt es darüber hinaus „länderspezifische“ Fahrzeugmodelle?
Ein Großteil der gepanzerten Fahrzeuge bei BMW erhalten kundenspezifische Sonderwünsche. Aus Respekt unseren Kunden gegenüber können wir hier allerdings keine genaueren Details nennen.

Da der BMW X5 Protection VR6 hauptsächlich für gezielte Angriffe konzipiert wurde, ist die Beschussklasse VR6 nicht überall auf der Welt die richtige Wahl. In den südamerikanischen Ländern ist die Straßenkriminalität deutlich verbreiteter. Dort prüfen wir gerade lokale Angebote in niedrigeren Schutzstufen.

Kommen wir zu den technischen Details: Wie wurde die Karosserie modifiziert? Welches Glas wird verwendet?
Serienmäßig verbauen wir hier ungefähr 30 Millimeter starkes Sicherheitsglas. Dieses ist in verschiedenen Lagen mit Folie verklebt und bietet als Splitterschutz als letzte Lage noch eine Polycarbonatschicht. Der gehärtete Sicherheitsstahl in der Stirnwand, den Türen, dem Dach und in der ballistischen Trennwand ist ungefähr vier Millimeter stark.

Wie sieht es mit der Widerstandfähigkeit des Fahrzeugs gegen verschiedene Munitionsarten und Geschosstypen aus? Welche Schutzklasse wird erreicht?
Der BMW X5 Protection VR6 schützt, wie der Name schon sagt, gegen die Beschussklasse VR6. Die Kombination aus Karosseriepanzerung und Sicherheitsverglasung ermöglicht wirksamen Schutz vor einem Beschuss aus Faustfeuer-
und Langwaffen mit Munition bis zum Kaliber 7,62 mal 39 FeC beziehungsweise 7,62 mal 39 SC, wie sie beispielsweise in Waffen vom weltweit verbreiteten Typ AK-47 verwendet wird.

15 kg TNT - dieser Sprengstoffmenge kann die gepanzerte Fahrgastzelle eines Sonderschutzfahrzeuges bei seitlicher Ansprengung wiederstehen

Steigt die Nachfrage beim Sprengschutz?
Definitiv ja. Darum bieten wir bei diesem Fahrzeug erstmals einen verstärkten Unterbodenspitterschutz sowie ein verstärktes Dach an. Der optionale erweiterte Unterbodensplitterschutz aus Stahl, Aluminium und Faserverbundstoffen hält der Handgranate HG85 Stand. Die optionale verstärkte Dachpanzerung aus mehr als sechs Millimeter Stahl in Verbindung mit Faserverbundstoffen schützt vor Angriffen mit Handgranaten, welche zum Beispiel über Drohnen ans Fahrzeug gebracht werden.

Welche Extras gibt es noch?
Für den behördlichen Einsatz bieten wir zum Beispiel Front- und Heckblitzer, eine Sondersignalanlage, Funkvorbereitungen oder Standartenhalter an. Aber auch eine Anti-Kidnapping-Funktion oder ein Mobilitätserhalt, welche das Ausschalten des Motors nach einem Crash verhindert, sind gerne genommene Ausstattungen.

Wie schaffen Sie es, dass sich die schützenden Komponenten bei den zivilen Ausführungen in das ursprüngliche Fahrzeugdesign harmonisch einfügen?
Schon im Entwicklungsprozess des Serienfahrzeuges wird eine Panzerung mit berücksichtigt. Dies gibt uns den großen Vorteil, dass Panzerungen kaum in den Innenraum auftragen und auch die Einstiegshöhen sowie das Raumgefühl nicht beeinträchtigt werden.

Da sich durch das deutlich gestiegene Gewicht des Fahrzeugs auch die Fahreigenschaft verändern: Sollte der Fahrer ein Fahrtraining absolvieren? Bieten Sie ein solches an?
Unser Fahrwerk ist speziell an das Mehrgewicht des Fahrzeuges angepasst. Die Agilität und Stabilität, aber auch der Komfort im Innenraum bleiben erhalten. Wir bieten spezielle Fahrertrainings für die Fahrer von gepanzerten Fahrzeugen in verschiedenen Levels an. Dort wird speziell auf erhöhte Gewicht sowie das Handling in Gefahrensituationen eingegangen.