Dr. Clemens Gause ist gemeinsam mit Wilfried Joswig Geschäftsführer des Verbands für Sicherheitstechnik (VfS).
Foto: PROTECTOR, Andreas Albrecht

Interviews

Weshalb Fachkräfte für Sicherheitstechnik rar sind

VfS-Geschäftsführer Dr. Clemens Gause über technischen Herausforderungen in der Sicherheitstechnik und den Fachkräftemangel in der Branche.

Während viele Wirtschaftszweige immer tiefer in die Rezession schlittern, boomt der Markt für Sicherheitstechnik auch in der Coronakrise; dennoch stellt der Fachkräftemangel die Branche vor eine Herausforderung. Viele Unternehmen haben weiter Probleme, geeignete Fachkräfte zu finden. Dr. Clemens Gause, Geschäftsführer des Verbands für Sicherheitstechnik (VfS), erklärt warum.

Herr Dr. Gause, wie hat sich die Wahrnehmung von Sicherheitstechnik in den letzten Jahren entwickelt?

Dr. Clemens Gause: Früher diente die Sicherheitstechnik ausschließlich der Absicherung von Gebäuden oder Objekten. Das hat sich grundlegend geändert. Sicherheitstechnik von heute muss wesentlich mehr können, nämlich Prozessabläufe unterstützen. Das stellt völlig neue Anforderungen an die Planung, die Technik und an alle Projektbeteiligten. Die Komplexität nimmt zu, und damit auch die Erwartungshaltung an die Fachkräfte. Leider wird das noch nicht in allen Ausbildungsebenen berücksichtigt und es fehlen daher die dringend benötigten Fachkräfte.

Fachkräftemangel in der Sicherheitsbranche

Obwohl die Branche weiter solide Zuwächse verzeichnet, stehen Fachkräfte bei Ihnen also nicht Schlange?

Leider nein, es gibt zwar sehr großen Bedarf an Fachkräften. Paradoxerweise gibt es jedoch viele Bewerber, die in der Branche Fuß fassen möchten, aber aufgrund fehlender technischer Qualifikation nicht angenommen werden können. Sicherheitstechnik ist Hightech. Selbst einfach aussehende Türbeschläge sind mitunter aus Spezialstählen oder sind mit speziellen Eigenschaften oberflächenbehandelt, mit deren Einsatz und Umgang man umgehen können muss. Von Software möchte ich jetzt gar nicht anfangen zu sprechen. Dort sind die Anforderungen noch höher. Insofern sind Vakanzen von einem oder anderthalb Jahren keine Seltenheit. Das liegt daran, dass die Hürden in Bezug auf Anforderungen relativ hoch sind. Nicht jeder, der in die Sicherheitstechnik will, bekommt dort auch eine Anstellung.

Warum finden die Bewerber nicht zum passenden Job?

Das liegt nicht an den Bewerbern, sondern daran, dass die Sicherheitstechnik ein riesiges Feld ist. Sie setzt sich unter anderem zusammen aus den Branchen Bau, Elektronik und Software. Bewerber, die mit artverwandten Tätigkeiten einer dieser Branchen vertraut sind, fehlen oft erforderliches sicherheitstechnisches Fachwissen und Marktkenntnisse.

Wie sieht der ideale Bewerber aus?

Goldwert sind die Fachkräfte, die bereits in der Branche tätig sind, zum Beispiel bei einem Marktbegleiter. Dies führt aber zu einem Kanibalisierungseffekt und dem Hochdrehen der Lohnschraube und was im Ergebnis bleibt, ist ein immer noch leergefegter Fachkräftemarkt.

Wenn der Markt kaum Mitarbeiter mit umfassenden Qualifikationen bietet, benötigen Unternehmen eine hohe Ausbildungsbereitschaft um erforderliches Fachwissen zu vermitteln?

Auf jeden Fall. Das ist auch der Hintergrund warum wir seit letztem Jahr die VfS-Akademie wieder verstärkt in den Vordergrund gebracht haben. Wir bieten viele Weiterbildungs- und Seminarangebote in Präsenz an. Dies sind dann zum Beispiel dreitägige Seminare, die nach einem Bausteinprinzip dann Grundlagen schaffen. Der bei weitem größte Teil der spezifischen Wissensvermittlung liegt aber bei den Unternehmen selbst. Jeder Quereinsteiger bildet insofern eine Investition in die Zukunft. Auch innerhalb der Organisationen wechseln Mitarbeiter in neue Positionen. Wenn Kollegen altersbedingt ausscheiden, bedeutet dies für Nachfolger häufig, sich in einem komplett neuen Aufgabenfeld orientieren und spezifisches Wissen erwerben zu müssen. Für solche Fälle bieten wir maßgeschneiderte Inhouseseminare an, bis hin zu Einzelmaßnahmen und Trainings.

IT-Branche konkurriert mit Sicherheitstechnik um Fachkräfte

Mit welchen Branchen konkurrieren die Arbeitgeber der Sicherheitstechnik-Branche um die besten Fachkräfte?

Im Zuge der Digitalisierung besonders mit der IT-Branche, insbesondere mit Softwareherstellern. Zudem sind alle überschneidenden Branchen, die zur Sicherheitstechnik zählen, wie zum Beispiel Managementsysteme auch potentielle Mitbewerber um Fachkräfte, die Übergänge sind hier fließend. Die Prozesse in diesen Bereichen haben oft sicherheitsrelevante Aspekte, obwohl darauf nicht der Hauptfokus liegt.

Wie steht es um das Image? Weiß der Arbeitnehmermarkt um die Potentiale der Branche?

Sicherheitstechnik Made in Germany ist mittlerweile auch im Ausland eine Marke mit hohem Stellenwert - auch gerade in der zivilen Sicherheitstechnik. Daher wollen viele junge Leute in der Sicherheitstechnik arbeiten, zumal die Branche als weitgehend krisensicher gilt.

Viele Arbeitgeber gehen davon aus, dass bedingt durch die Corona-Krise, in naher Zukunft sehr viele Arbeitskräfte am Markt verfügbar sein werden. Wie sehen Sie das? Werden wir eine Fachkräfteschwemme erleben?

Eher nicht, es gibt vielleicht einige Ausnahmen, beispielsweise einige Ingenieurberufe in der Nachrichten- und Funktechnik, einige Jobprofile in der Industrieproduktion wie etwa der Metallverarbeitung. Sicherlich wären auch einige Fachkräfte aus der Luftfahrt- und Automobiltechnik transformierbar, weil entsprechendes Hintergrundwissen besteht. In diesen Branchen wird natürlich auch sehr exakt geplant und technisch hochqualitativ gearbeitet. Wobei ich diesen durch Corona gebeutelten Branchen nur das Beste wünsche. Ich will da keinen schwarzen Mann an die Wand malen.

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Der Fähigkeitserhalt kann gefährdet werden, wenn zu wenig Nachwuchs ausgebildet wird oder nur noch Module zugekauft werden, dann gehen schnell Kernfähigkeiten verloren. Eine weitere Gefahr ist sicher auch, die Erwartungshaltung vieler Unternehmen, dass andere für die umfassende Qualifizierung der Mitarbeiter sorgen werden. Ein problematisches Thema ist die Unternehmensnachfolge, oftmals werden keine risikobereiten Nachfolger gefunden. Bedingt durch Corona könnte nun auch der ein oder andere geordnete Exit ausbleiben und leider in einer Geschäftsaufgabe enden. Nicht zuletzt der demographische Wandel sorgt für den Verlust von Know-How und Erfahrungswissen, unzureichende Dokumentationen sorgen dann schnell für kosten- und zeitintensiven zusätzlichen Arbeitsaufwand.

Die Interviewerin

Die Unternehmensberaterin Beate Teschner ist Expertin für Fachkräftemangel und referiert zu diesem Thema für verschiedene IHK, regionale Wirtschaftsförderungen, Bildungseinrichtungen und Unternehmensverbände.

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