Foto: Kunstmuseum Stuttgart

Sicherheitskonzept im Kunstmuseum Stuttgart

Vorsicht vor Veränderung

Vor zehn Jahren eröffnete das Kunstmuseum Stuttgart in einem architektonisch anspruchsvollen Neubau. Etwa 1,5 Millionen Besucher haben seitdem Kunstwerke unter anderem von Otto Dix oder Willi Baumeister bestaunt. PROTECTOR überzeugte sich vor Ort über ein funktionierendes Sicherheitskonzept, das die speziellen Anforderungen eines Museumsbetriebs berücksichtigt.

Fast 30.000 Besucher strömten am ersten März-Wochenende ins Kunstmuseum Stuttgart. Zahlreiche Prominente aus Kultur, Wirtschaft und Politik waren gekommen. Es gab Führungen durch das Archiv Baumeister, eine Jazz-Band sorgte für Stimmung, ein Puppentheater begeisterte die Kinder, und Oberbürgermeister Fritz Kuhn schnitt eine gigantische Torte mit der Aufschrift „10 Jahre Kunstmuseum“ an. Ein „tolles Fest“ habe man gefeiert, freute sich Direktorin Ulrike Groos: „Für uns war das ein fulminanter Auftakt ins Jubiläumsjahr 2015.“

Potentielle Gefahrenquelle

Das ganze Jahr über wird es von nun an unter dem Motto „Kunst & Musik“ Sonderausstellungen, Konzerte und Performances zum zehnjährigen Bestehen des Kunstmuseums geben. Für eine Person bedeuten die Feierlichkeiten in diesem Jahr jedoch auch erhöhte Wachsamkeit. Denn bei Rudi Schweizer, als technischer Betriebsleiter verantwortlich für Sicherheit, Brandschutz und die technische Begleitung, läuten immer dann die Alarmglocken, wenn Ausstellungen wechseln oder umgebaut wird. „Ein Sicherheitskonzept kann nur ganzheitlich funktionieren“, betont Schweizer. Nehme man eine Komponente heraus, bestehe die Gefahr, dass das ganze Konstrukt nicht mehr funktioniere. Gefalle einem Künstler beispielsweise ein Alarmmelder im Aus- stellungsbereich nicht, müsse eine Lösung gefunden werden. Eventuell lasse sich der Melder an eine andere Stelle versetzen, aber man könne nicht einfach sagen: „Naja, dann lassen wir den eben weg.“

Sicherheitsplanung beginnt vor dem Bau

Die Ausführung eines Sicherheitskonzeptes müsse dessen Planung entsprechen, erklärt Rudi Schweizer. Und diese Planung, an der im Fall des Kunstmuseum Stuttgart neben dem Hochbauamt und der Abteilung für vorbeugenden Einbruchschutz des Landeskriminalamts ein Planungsbüro für Sicherheit beteiligt war, beginne bereits vor der Bauphase bei der Auswahl des Standorts. Aufgrund der zentralen Lage des Kunstmuseums in der Stuttgarter Innenstadt seien Polizei oder Feuerwehr im Notfall innerhalb kürzester Zeit vor Ort. Dementsprechend sei auch der mechanische Einbruchschutz konzipiert worden.

Ein so komplexes Gebäude wie ein Museum könne allerdings nicht allein durch mechanische Sicherheitstechnik geschützt werden. Auch wenn der mechanische Einbruchschutz noch so hochwertig sei, könne nicht zu 100 Prozent ausgeschlossen werden, dass die Sicherungen nicht doch geknackt werden könnten. Seiner Überzeugung nach besteht ein effektives Sicherheitskonzept deshalb immer aus einer Kombination mechanischer, elektronischer und alarmierender Komponenten. So gibt es im Kunstmuseum „vorgelagerte Bereiche“ wie das Foyer. Selbst wenn ein Einbrecher die mechanischen Schutzmaßnahmen überwinde und ins Foyer gelange, hätten elektronische Impulse, etwa über im Türblatt verbaute Alarmspinnen, bereits die Polizei benachrichtigt, und beim Versuch, vom Foyer weiter in den Ausstellungsbereich vorzudringen, stießen Einbrecher bereits auf die nächsten Hindernisse wie die geschlossenen und alarmgesicherten Brandschutztore, mit denen die Ausstellungsbereiche in der Nacht gesichert sind.

Videotechnik dient Einbruchschutz

Den Tagesbetrieb des Museums, in das jährlich etwa 150.000 Besucher strömen, über- wacht ein hauseigener Sicherheitsdienst. Dieser besteht aus Aufsichtspersonal, das die einzelnen Räume und Ausstellungen kontrolliert, sowie aus einer Sicherheitszentrale, von wo aus über Monitore alle Vorgänge im Museum überblickt werden können. Die Bilder dazu liefern analoge Kameras. Wahrscheinlich würde sich Rudi Schweizer heute für IP-basierte Kameratechnik entscheiden, will deren Möglichkeiten aber auch nicht überbewerten. Die dann mehr zur Verfügung stehenden Bilder müssten auch alle angeschaut und ausgewertet werden. Da reiche dann ein Mitarbeiter in der Sicherheitszentrale nicht mehr aus. Personal in den Ausstellungsräumen könne dann zwar reduziert, aber nie komplett dadurch ersetzt werden, da auf Ereignisse nur mit Personal vor Ort reagiert wer- den könne. „Für uns ist die Kameratechnik zum Einbruchschutz gedacht“, betont der technische Betriebsleiter. Ein Patentrezept gebe es aber nicht. Jedes Museum müsse selbst entscheiden, welches Sicherheitstechnikkonzept in seinem Fall Sinn mache, und dann entscheiden, wie die Kunstwerke optimal geschützt werden könnten.

So regelt ein elektronisches Schließsystem des Herstellers Simonsvoss die Zutrittskontrolle im Kunstmuseum Stuttgart, das Rudi Schweizer gegenüber einer mechanischen Anlage die Arbeit erleichtert. „Wir haben hier so viele unterschiedliche Bereiche: Gastronomie, Aufsichten, Künstler, Sicherheitsdienstleister. Die Schließzylinder sind einfach zu programmieren, und ich kann jeder Person hier im Haus damit Zugriffsrechte für bestimmte Bereiche zu bestimmten Zeiten gewähren oder entziehen.“ Auch der Kostenfaktor habe bei der Auswahl des Systems eine Rolle gespielt. Verliere ein Mitarbeiter einen Schlüssel, könne dieser einfach ausprogrammiert werden, so Schweizer. „Das kann ich bei einer mechanischen Anlage nicht. Hier müsste gleich die komplette Anlage ausgebaut werden. Und wir haben hier etwa 300 Schließzylinder im Einsatz.“

Museen profitieren von Entwicklung der Lichttechnik

Weil wertvolle Kunstwerke nicht nur vor Diebstahl, sondern auch vor Schädigung geschützt werden müssen, zählt für den Sicherheitsverantwortlichen eines Museums auch das Licht zum erweiterten Kreis der Sicherheitstechnik. Dabei habe auch das Kunstmuseum Stuttgart von den enormen Fortschritten in der Lichttechnik profitiert, sagt Rudi Schweizer. Seit zwei Jahren setze man LED-Leuchten ein, was enorme Vor- teile bringe. Denn diese geben kein Infrarotlicht ab, entwickeln also keine Wärme und stellen deshalb keine Gefahr für die Kunstwerke dar. Früher habe man zusätzliche Linsen einsetzen müssen, um die Infrarotanteile des Lichts fernzuhalten, erklärt Schweizer. Darauf müsse er jetzt keine Rücksicht mehr nehmen und auch in der Handhabung biete die Technik erhebliche Vorteile. So könne man jetzt mit nur einem Strahler über verschiedene Linsen das ganze Lichtspektrum darstellen. Vorher habe er dazu mindestens vier Strahler benötigt, betont Schweizer. Zwar sei LED- Technik in der Anschaffung immer noch vergleichsweise teuer. Betrachte man aber das langfristige Kosten-Nutzen-Verhältnis, führe für Museen an der Technik schon heute kein Weg mehr vorbei.

Ein weiterer Punkt, der für den Einsatz der LED-Technik spricht, ist die Energieeffizienz. Im Kunstmuseum Stuttgart habe man früher eine Lichtleistung von etwa 40 Kilowatt pro Stunde verbraucht, die sich durch den Einsatz von LED auf 35 Kilowatt pro Stunde reduziert habe, betont Schweizer. Und diese Entwicklung beschleunige sich von Jahr zu Jahr. Es werde nicht mehr lange dauern, bis LED-Leuch- ten nur noch ein Fünftel der Energie verbrauchen. Auch die Dimmung würde in Zukunft weiter optimiert.

Brandschutzvorgaben umgesetzt

Wie die Beleuchtung setzt das Kunstmuseum Stuttgart auch die Vorgaben zum Brand- schutz unabhängig vom Einbruchschutzkonzept um. Heutzutage könne man fast alles miteinander vernetzen, so Schweizer. Die Frage sei, ob das immer Sinn mache. „Bei uns funktionieren Sicherheitstechnik, Brandmeldeanlage und Gebäudeleittechnik getrennt voneinander. Und dieses Drei-Säulen-Modell finde ich auch nicht schlecht“. Beim Brandschutzdefiniere das Baurechtsamt exakt, was ein Museum können muss, erklärt Rudi Schweizer. „So haben auch wir unser Gebäude in verschiedene Brandschutzabschnitte unterteilt. Wenn ein Brand detektiert wird, evakuiert unser geschultes Aufsichtspersonal den betroffenen Abschnitt.“ Insgesamt ist das Gebäude in sieben Brandabschnitte im öffentlichen Bereich unterteilt. Fluchtwege führen über Treppenhäuser, die über RWA-Anlagen entraucht werden, ins Freie. Jeder einzelne Brandschott bietet demnach die Feuer- widerstandsklasse F90. Das bedeutet, dass diese Abschnitte mindestens eineinhalb Stunden vor Feuer schützen, mehr als ausreichend Zeit also, denn wie die Polizei ist auch die Feuerwehr innerhalb sehr kurzer Zeit vor Ort – meistens allerdings umsonst.

Ein Notfall in zehn Jahren

Nur ein einziges Mal habe es bisher einen echten Notfall gegeben, erzählt Rudi Schweizer. „Wir hatten in den zehn Jahren bestimmt 20 Fehlalarme. Und der erste Impuls war, dass es sich wieder um einen solchen handelt.“ Im Technikschacht des Glaskubus hatte ein Schalter zu brennen begonnen. Kurz darauf löste der Rauchmelder aus. Eine Gefahr für Besucher oder Kunstwerke hätte zu keinem Zeitpunkt bestanden, betont Schweizer: „Deshalb sehe ich diesen Vorfall eigentlich als positives Ereignis. Denn er hat gezeigt, dass unser System funktioniert.“

Wenn das Museum abends schließt, werden alle Bereiche mit Brandschiebetoren geschlossen. Das Team der Haustechnik macht noch einmal einen Rundgang, um sicher zu gehen, dass sich kein Besucher mehr im Museum befindet. Dann schaltet Rudi Schweizer die Alarmanlage scharf, die Arbeit ist für diesen Tag für ihn beendet. Der wichtigste Mann, sagt er, sei jetzt der Mitarbeiter in der Sicherheitszentrale.

Andreas Albrecht

Foto: Honeywell

Integrierte Sicherheitssysteme

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Foto: Ruhr Museum/Brigida González

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Foto: REM

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Foto: Olafur Eliasson

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